zur Navigation springen

Meister der Finsternis : Edgar Allan Poes Jahre in Philadelphia

vom

Von Todesfällen in der Familie und Geldsorgen geplagt, hangelte sich Edgar Allan Poe durchs Leben. In Philadelphia entstanden einige seiner düstersten Erzählungen. Dort, im Keller seines Wohnhauses, fühlt man sich in ein schauerliches Werk des Autors versetzt.

«Dass man den so unheimlichen und doch so natürlichen Geschehnissen, die ich jetzt berichten will, Glauben schenkt, erwarte ich nicht, verlange es auch nicht.» Beiläufig und unaufgeregt führt Edgar Allan Poe mit «Die schwarze Katze» in eine seiner schauerlichsten Geschichten ein.

Wer Poes Wohnhaus in Philadelphia besucht, kann sehen, wo einer der Urväter literarischer Finsternis seine Gedanken aufschrieb - und wo seine Katze Catterina lebte, die als Vorbild der gruseligen Erzählung gedient haben dürfte.

Von außen wirkt der dreistöckige Backsteinbau unscheinbar: weißer Gartenzaun, hölzerne Fensterläden, eine kleine Veranda nach hinten raus. Zu Lebzeiten Poes (1809-1849) war diese Gegend ein ländlicher Vorort Philadelphias, seine Frau Virginia pflanzte Blumen und unterhielt Freunde mit Gesang und Musik. Ihre Mutter lebte mit dem Paar, half im Haushalt und pflegte die an Tuberkulose erkrankte Virginia. Dank der Südfassade strahlte lang Sonnenlicht in die Räume - für einen Schriftsteller kein unwichtiger Aspekt in Zeiten, in denen Häuser statt mit Elektrizität noch mit Gaslampen beleuchtet wurden.

Der in Boston geborene Poe war erst 18 Jahre alt, als sein erster Gedichtband «Tamerlane and Other Poems» erschien. Er liebte die Poesie, doch seine Kurzgeschichten verkauften sich in den Literaturzeitschriften der Zeit besser. Seine Erzählungen handelten bald von brutalen, heimtückischen Morden - aber auch vom Tod junger hübscher Frauen. «Der Tod einer schönen Frau ist fraglos das poetischste Thema der Welt», schrieb Poe im Jahr 1846. Kein Geringerer als Arthur Conan Doyle, der die Figur Sherlock Holmes erfand, bezeichnete Poe als den Erfinder des Mystery- und Krimi-Genres.

Die tragischen Umstände von Poes eigenem Leben dürften bei der Suche nach Erzählstoff eine Rolle gespielt haben: Poes Mutter starb an Tuberkulose, als er zwei Jahre alt war, und der Vater - ein erfolgloser Schauspieler - war da bereits verschwunden. Auch Poes Ziehmutter Frances Allen sowie seine Cousine und spätere Ehefrau Virginia wurden vom «Weißen Tod» dahingerafft. Und die Mutter seines besten Freundes, die Poes erste große Liebe gewesen sein soll und die das Talent des Jungen entdeckt hatte, starb einige Monate, nachdem sie wegen Geisteskrankheit in ein psychiatrische Anstalt gekommen war.

Getrieben von finanziellen Nöten und seinem ewigen Wunsch, Inhaber und Chefredakteur einer angesehenen literarischen Zeitschrift zu sein, wechselte Poe häufig den Wohnort. Neben Aufenthalten in Baltimore und Fordham (dem heutigen New Yorker Stadtteil Bronx) verbrachte der Autor sechs Jahre seines Lebens in Philadelphia. Hier traf er sich mit Autorenkollegen wie Charles Dickens («Oliver Twist») und korrespondierte mit Schriftstellern und Lyrikern wie Henry Wadsworth Longfellow und James Russell Lowell.

Dass Poe ein Gespür für das Leserinteresse der Zeit hatte, zeigte er in Philadelphia schnell: Die Auflage des «Burton's Gentleman's Magazine» steigerte er innerhalb weniger Monate von 500 auf 3500 Stück, nachdem er dort einen Posten als Redakteur für zehn Dollar pro Woche angenommen hatte. Dort erschien auch die Kurzgeschichte «Der Untergang des Hauses Usher», in der die verstorbene Madeline aus dem Grab aufersteht, bevor ihr früheres Wohnhaus unter Flammen einstürzt. Auch ein Großteil seines Gedichts «The Raven» (Der Rabe), das wohl berühmteste Werk Poes, schrieb er in Philadelphia.

Mehr als ein Dutzend Bewohner nannten die 532 North 7th Street ihr Zuhause, nachdem Poe das Haus in den 1840er Jahren verlassen hatte und ehe es in den 1930er Jahren als historische Stätte gesichert wurde. Mangels Mobiliar fällt es auch nicht ganz leicht, sich in diesen Räumen in den Alltag des klammen Autors zurückzuversetzen. Aber im Keller, wo Spinnweben Fensterluken überziehen, erinnert ein hohles Gemäuer, das den Schornstein stabilisierte, an das düstere Ende aus der Erzählung «Die schwarze Katze».

Der Erzähler beschreibt die Katze Pluto darin als edles Tier, dem er sich eng verbunden fühlt. Doch der Alkoholiker misshandelt seine Frau und vergreift sich bald auch an der Katze, der er aus Rache für einen Kratzer erst ein Auge ausschneidet und die er schließlich an einem Baum erhängt. Als Monate später eine neue Katze auftaucht, will er diese mit einer Axt töten, begräbt das Beil in Rage dann aber im Schädel seiner Frau. Ausgerechnet das schwarze Vieh wird zum Verräter der Bluttat, als es im Beisein der Polizei hinter dem Gemäuer zu miauen beginnt.

«Der schon stark in Verwesung übergegangene und mit geronnenem Blut bedeckte Leichnam stand aufrecht vor den Augen der Männer», schreibt Poe in der letzten Szene. «Auf seinem Kopf saß, mit weit aufgesperrtem rotem Rachen und dem einen glühenden Auge, die fürchterliche Katze, deren teuflische Gewalt mich zum Mörder gemacht hatte und deren Stimme mich nun den Henkern überlieferte. Ich hatte das Scheusal in das Grab mit eingemauert.»

Edgar Allan Poe National Historic Site

zur Startseite

von
erstellt am 18.Jul.2017 | 08:04 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert