«Funky Groove» : Disco-Fieber in Havanna

Die Sängerinnen vom «Funky Groove»-Projekt im Habana Vieja.
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Die Sängerinnen vom «Funky Groove»-Projekt im Habana Vieja.

Wie klingt Kuba? Viele Deutsche denken zuerst an die Songs von Buena Vista Social Club. In dem Inselstaat selbst läuft im Radio aber meist Reggae. Das Projekt «Funky Groove» um einen Deutschen lässt in Kuba nun Funk und Disco neu aufleben - Schlaghose inklusive.

shz.de von
03. September 2018, 09:07 Uhr

Pinkes Scheinwerferlicht bringt die kurzen Pailletten-Kleider zum Funkeln. Die weiße Schlaghose mit Blümchenmuster umflattert zum Takt der Musik von Evelyn King das Bein der Sängerin Elisabeth Borrego Gloria.

Disco lebt - zumindest in Kuba. Das Musikprojekt «Funky Groove» lässt in dem sozialistischen Inselstaat die Club-Welt der 1970er und 1980er Jahre aufleben. Mittendrin: der Deutsche Bernd Herrmann. Der Baden-Württemberger bringt gemeinsam mit kubanischen Künstlern alte Musik mit jungen Stimmen zusammen.

Der 56-Jährige aus Schutterwalde bei Offenburg hat Hunderte Vinylplatten aus aller Welt gesammelt. Gemeinsam mit kubanischen Künstlern startete er eine private Initiative, um Sängerinnen für «Funky Groove» zu casten. Mittlerweile gibt es bereits zwei Bands, die zur Instrumentalversion auf der Rückseite der Schallplatten live die Texte der Disco-Hits singen. «Ich finde es toll, dass wir musikalisch eine Zeitreise zurück machen können», sagt Sängerin Mileidis Casas. Die 20-Jährige studiert in Kuba Gesang.

Ihre Bandkollegin Elisabeth Borrego möchte hauptberuflich Sängerin und Pianistin werden. Das ehrenamtliche Projekt bietet der 20-Jährigen eine gute Gelegenheit, ihr Können auf den Bühnen der Hauptstadt Havanna zu zeigen. Seit rund einem Jahr treten die Künstlerinnen auch auf Retro-Partys auf, stilecht in Kostümen der Disco-Ära. Herrmann berät die Gruppen musikalisch. Und manchmal steht er auch selbst an den Turntables.

Die Disco-Revival-Band braucht sich dabei vor den Originalen nicht zu verstecken, findet Herrmann. «Wir haben alle jedes Mal Gänsehaut, wie gut die Sängerinnen das hinbekommen», sagt er. «Und natürlich waren und sind alle Einheimischen im Publikum enorm stolz, dass so etwas möglich ist und sie nun die Musik und Club-Hits von damals kennenlernen können.» Das kubanische Fernsehen hat Shows von «Funky Groove» übertragen und die Künstlerinnen in Beiträgen vorgestellt.

«Der Sound ist okay. Ihr habt gute Stimmen. Aber ihr müsst locker bleiben», sagt Yudelkis Lafuente und feuert die Sängerinnen bei einer Probe an. Lafuente ist die künstlerische Leiterin des Projekts und auf der Insel keine Unbekannte. Mit der Girlgroup Sexto Sentido war die 35-Jährige ganz oben in den Charts von Kuba. «Funky Groove» betreut sie als Hobby. Die Künstlerinnen proben meist gemeinsam im privaten Kreis. Auch das Wohnzimmer eines Mitglieds wird dann zur 70er-Jahre-Disco.

Herrmann, der in Kuba als Tourismusmanager arbeitet, legt gut gelaunt «Saturday Love» von Cherelle aus dem Jahr 1985 auf. Auf der Rückseite der Maxi-Single ist die Instrumentalversion, zu der die Frauen bei ihrem Auftritt singen. Nach den Proben stoßen oft noch ihre Freunde oder Ehemänner dazu. Bei einem Drink mit Ausblick auf Kubas Sonnenuntergang wird dann gefachsimpelt.

«Mein Vater hat schon vor über 30 Jahren Funk und Disco gehört», sagt einer der Männer. Er kommt aus der Stadt Guantánamo. Der Fernseh- und Radiosender der nahen US-Militärbasis reichte damals viele Kilometer weit bis in die Stadt hinein. In der Stadt am östlichen Ende der Insel gibt es auch heute noch einen Soul-Club, inspiriert von der US-Fernsehsendung «Soul-Train» (1971 bis 2006).

Herrmann bringt sein ganz eigenes Know How mit in das Projekt: Er zog früher in ganz Deutschland und Südeuropa durch Clubs und Diskotheken, um zur Musik von Gloria Gaynor, Sylvester, Grace Jones und Michael Jackson zu tanzen. Den Style der Disco-Ära verpasst Lucia Fernandez Albo den Sängerinnen. Die 58-Jährige, die auf der Insel auch unter ihrem Künstlernamen Lucifer bekannt ist, kümmert sich um das Design der Kostüme und stattet die Bühnen mit Gemälden der Disco-Queens wie Donna Summer aus.

Für «Funky Groove» brachten Hermann und Sängerin Lafuente auch schon befreundete DJs aus Deutschland und Kuba zusammen. Aber Herrmann liebt auch die kubanische Musik: Salsa, Son und Latin-Jazz. Nur mit dem in Kuba dominierenden Reggaeton kann sich der 56-Jährige nicht recht anfreunden. «Die Musik ist eher primitiv, die Texte oft vulgär, die Videos wenig einfallsreich – Bikini-Girls mit Machos an Pool und Playa», meint er. Mit der Disco kommt die Frauen-Power zurück auf Kubas Bühnen. Mit viel Glitzer und ein bisschen Schlag.

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