"The Black Rider" in Lübeck : Die kollektive Lust am Bösen

Teuflische Erscheinung: Andreas Hutzel (vorn) in seiner Doppelrolle als Stelzfuß und Ahnherr Kuno. Foto: Wulff
Teuflische Erscheinung: Andreas Hutzel (vorn) in seiner Doppelrolle als Stelzfuß und Ahnherr Kuno. Foto: Wulff

Der Teufel hat die Versuchung gemacht, wir geben ihr uns willig hin: Das Rock-Musical "The Black Rider" begeisterte das Lübecker Publikum.

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24. Januar 2011, 08:37 Uhr

Lübeck | Was für ein Abgrund: Mit Teufels Hilfe will der schwächliche Schreiberling Wilhelm die hübsche Försterstochter erringen. Ein tückischer Deal, deutsche Sagen wissen das seit Jahrhunderten. In Lübeck wurde der Pakt mit dem Bösen zum Triumph. Die Premiere des Rock-Musicals "The Black Rider" brachte das Theater zum Kochen.
Teufelshandel und Hexenkugel: Was Carl Maria von Weber zu seiner romantischen Oper "Der Freischütz" inspirierte, ließ auch den US-Amerikaner William S. Burroughs nicht kalt. Der Schriftsteller der Beat Generation formte aus den Abgründen der Volksseele das Libretto für "The Black Rider", der nicht minder schräge Rock-Poet Tom Waits schrieb die Musik dazu, Robert Wilson produzierte das Stück für die Bühne. Uraufführung war 1990 in Hamburg, seitdem ist "The Black Rider" Kult. In Lübeck wird dieser Edelstein der Rock-Poesie nun zusätzlich poliert: Regisseur Michael Wallner, der schon mit "Zauberberg" und "Felix Krull" abgründige Innenwelten auf der Bühne zelebrierte, zeigt einmal mehr die Moral zügelloser Phantasie: Der Teufel hat die Versuchung gemacht, wir geben ihr uns willig hin.
Der Zuschauer fragt sich, wer da eigentlich böse ist
Die Geschichte vom Probeschuss, der abzugeben ist, will ein Mann die Försterstochter freien, ist sattsam bekannt. Wilhelm ist ein muskelschwacher Mann des Wortes. Jörn Kolpe spielt ihn mit Hingabe: "Feder weg und Flinte her. Leicht gesagt und ist doch schwer. Put down a pen, pick up a gun, easy said und schwer getan. Trotzdem werde ich ihr Mann." Englisches und Deutsches reimt sich durch das Stück. Man muss nicht alles verstehen, um den Sinn zu erfassen. Das gilt auch für den Handlungsstrang, der direkt ins Hirn eines Berauschten zu führen scheint. Ein phantastisches Bühnenbild (Heinz Hauser) verstärkt mit betörenden Farbspielen, vertrackten Spiegelungen und verschachtelten Projektionen den Eindruck einer Zivilisation am Rande des Verstandes. Sind aber Inszenierung und Bühne schon sehenswert - die musikalischen und schauspielerischen Darbietungen sind vom Feinsten.
Willi Daum, musikalischer Leiter, führt die Schauspieler mit seiner Band "Die schwarzen Reiter" wie schon bei "Walking down Abbey Road" zu Höhenflügen. Verstärkt wird das stimmgewaltige Ensemble seit kurzem von Sara Wortmann, die dem heiratslustigen Kätchen eine unverschämt kräftige Note verleiht. Da ist Gott sei Dank nichts von duldsamem Leiden. König der Nacht indessen ist Andreas Hutzel als diabolischer Stelzfuß und Ahnherr Kuno. Singen kann der sowieso. Als schwarzer Reiter zieht er selbst den Frömmsten in den Bann des Bösen: Der irre Stelzfuß ist in seiner Freude am Bösen der einzige mit zielgerichtetem Verstand. Dem Zuschauer bleibt die Frage, wer da eigentlich böse ist. Eine sehr ernsthafte Antwort braucht aber keiner. "The Black Rider" macht Spaß - bei der Premiere so sehr, dass sich das Publikum zwei musikalische Zugaben erobert.
Nächste Vorstellungen: Sbd., 29. Januar, und Sbd., 12. Februar, jeweils 19.30 Uhr. Theater Lübeck,Beckergrube 16. Theaterkasse: 0451/399600.

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