zur Navigation springen

Geschichte : Die Kinder des Dr. Klibansky - Flucht vor den Nazis

vom

«Das war meine Freundin», sagt Henrietta Franks und zeigt auf ein stark vergrößertes altes Klassenfoto. «Die auch umgekommen ist.» Ihre Augen wandern langsam über die anderen Gesichter.

«Ich erinnere mich an fast alle.» Sie selbst ist auch auf dem Bild. Sie hat überlebt wegen der Kindertransporte.

Henrietta Franks ist heute 90 Jahre alt und lebt in England, aber sie spricht noch immer fließend Deutsch. Sie ist nach Köln gekommen, weil der Landschaftsverband Rheinland (LVR) dort eine Ausstellung über die Kindertransporte eingerichtet hat.

Dass sie heute hier steht, hat mit Dr. Klibansky zu tun. Erich Klibansky war Direktor der Kölner Jawne, des einzigen jüdischen Gymnasiums im Rheinland. Er brachte Ende der 30er Jahre mehrere seiner Klassen mit insgesamt schätzungsweise 150 Schülern nach England in Sicherheit. «Dr. Klibansky ist mit jedem Zug mitgefahren», erzählt Henrietta Franks. «Aber er musste seine Familie immer zurücklassen.»

Die Ausstellung trägt den Titel «Kinder abreisen Dienstag 17 Uhr 13. Abschied in der Schule.» Das war der Text des Telegramms, mit dem Dr. Klibansky die Abfahrt der ersten Gruppe ankündigte. Abschied in der Schule. Darauf wurde immer Wert gelegt, auch bei anderen Kindertransporten außerhalb von Köln. Nicht Abschied auf dem Bahnsteig.

Henrietta Franks betrachtet weitere Bilder. Da ist sie mit ihrer Schwester und ihrem Bruder zu sehen. Sie war 15, als sie Köln verließ. «Meine Schwester war zwölf, die hat ein ganzes Jahr geweint.» Die Eltern schafften es, über Belgien nach Südfrankreich zu fliehen. Aber 1942 rückten die Deutschen auch dort ein. Henriettas Vater wurde aufgegriffen. «Ich seh' dich in England wieder!», konnte er seiner Frau noch zurufen. Es war das letzte, was sie von ihm hörte.

Henrietta Franks ist nicht das einzige «Kind», das für die Ausstellung nach Köln gekommen ist. Auch Ernest Kolman ist da, Londoner seit 75 Jahren. Und doch hört man sofort: Seine Muttersprache ist Deutsch. Er wird gefragt, ob er Angst gehabt habe, damals in England, so ganz allein mit zwölf Jahren? Man merkt, dass er die Frage nicht versteht. «Angst hatte ich, als ich in Deutschland war», antwortet er. Zum Beispiel in der «Kristallnacht» - er sagt «Kristallnacht», nicht «Pogromnacht» - als er sich auf Geheiß seiner Mutter in einem Schrank verstecken musste. Da hatte er sogar schreckliche Angst.

«Als ich aber erstmal über die holländische Grenze war, war die Angst weg. Die ist mit einem Schlag von mir abgefallen. Und seitdem habe ich auch nie mehr Angst gehabt.» Merkwürdig findet er, dass er sich nicht mehr an den Moment des Abschieds von seinen Eltern erinnern kann. Er weiß aber noch, dass ihm bewusst war: Der Abschied ist endgültig.

Das LVR-Gebäude mit der Ausstellung liegt schräg gegenüber dem Deutzer Bahnhof. Von dort fuhren in Köln die Deportationszüge ab. Am 20. Juli 1942 stand dort auch Dr. Klibansky auf dem Bahnsteig und wartete auf seinen Zug in den Osten. Zusammen mit ihm warteten seine Familie und eine größere Gruppe von Schülern. Es waren diejenigen, für die er keine Ausreisegenehmigung bekommen hatte. Retten konnte er sie nicht. Aber er ist bei ihnen geblieben bis zum Ende.

- Die Ausstellung läuft bis zum 24. November. Geöffnet montags bis freitags 9.00 bis 20.00 Uhr, samstags und sonntags 9.00 bis 18.00 Uhr. Eintritt frei.

Ausstellung

zur Startseite

von
erstellt am 17.Okt.2013 | 11:43 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen