Auf MC nur noch für Fans: „Die drei ???“ : Die Kassette ist tot, es lebe die Kassette

Schauspieler Oliver Rohrbeck mit MCs der Serie „Die Drei ???“. Die Detektiv-Reihe ist die letzte, die von der Hörspielfirma „Europa“ noch auf Kassette veröffentlicht wird.
Schauspieler Oliver Rohrbeck mit MCs der Serie „Die Drei ???“. Die Detektiv-Reihe ist die letzte, die von der Hörspielfirma „Europa“ noch auf Kassette veröffentlicht wird.

Sie wird kaum noch produziert und verschwindet zusehends vom Markt: Die Audiokassette. Doch eine kleine Gruppe von Fans erhält sie am Leben.

shz.de von
07. Mai 2015, 12:42 Uhr

Berlin | Bei Amazon kann man sie noch kaufen, im Elektrofachmarkt wird es schon knapper. Gemeint ist die Audiokassette. Noch in den 90ern ärgerten sich audiophile Menschen über Bandsalat und leiernde Musik. Dennoch findet das kleine robuste Plastikgehäuse mit 90 Minuten Tonband noch heute Liebhaber, die sich mit Hingabe und einem Bleistift ans Aufwickeln des schwarzen Bandes machen. Ja, sie überlebt, die Kassette. In der Nische zwar, aber sie ist noch da.

In der Zeit von den frühen 1970er Jahren bis in die späten 90er war die Kompaktkassette eines der meistgenutzen Audio-Medien neben der Schallplatte und der Compact Disc. „Ich finde es schön, dieses Haptische zu haben“, sagt Charly Hall vom Berliner Musiklabel Greatberry. Der Kommunikationsdesign-Student ist im Zeitalter der „Benjamin Blümchen“-Kassetten aufgewachsen. Der 27-Jährige hat 2013 das kleine Label gegründet, das für alle Musikrichtungen offen sein soll. Hall nutzt selbst ein Kassettendeck oder seinen Walkman. Durchzappen geht bei der Kassette nicht. „Anders als bei der CD fängt man an, ein ganzes Album durchzuhören.“ Er sieht es als Ergänzung zur digitalen Technik, ähnlich wie das Verhältnis von E-Book und gedrucktem Buch.

Der Plattenladen „Bis auf's Messer“ hat etwa 100 Titel im Angebot: Indie-Musik, Elektronik, Punk. Robert Schulze (36), Karohemd und tätowierte Arme, fischt eine Hülle aus dem Regal: Die Band „Totem Skin“ hat ihre Kassette mit Siebdruck und einem Camus-Zitat verziert. Ein Kassetten-Revival? „Bei uns war es nie ganz verschwunden“, sagt Schulze. „Im Punk ist es immer noch eines der wichtigsten Medien“, heißt es dort.

Tape-Enthusiast Rinus van Alebeek vom Label Staaltape wird beim Thema fast poetisch. Eine Kassette sei „wie ein Notizbuch, das man findet oder wie ein Karton voll mit alten Briefen und Ansichtskarten, eine Stadtkarte von Thessaloniki vielleicht, und jedes einzelne Zeugnis bringt seine eigenen Klänge, Musikfetzen, Wörter.“

Der Vorteil von Kassetten: Sie sind billig, einfach und sehen schön aus. Den zuweilen schlechten Sound nehmen die Fans in Kauf. Der größte Markt für die Kassette dürfte sich im Bereich der Hörspiele für Kinder finden. CDs in Kinderhänden haben eine kürzere Halbwertszeit als Kassetten. Runterfallen oder mit schmierigen Fingern anfassen sind für das „Oldschool“-Medium eben kein Problem.

Trotzdem sprechen die nackten Zahlen gegen die Kassette. 2014 wurde nur noch eine Million Euro Umsatz damit gemacht. Damals sündhaft teure Endgeräte, zum Abspielen der Kassette, findet man heute in jedem An- und Verkauf für einen Zehner und das große Geschäft wird mit „TKKG“, „Drei Fragezeichen“ oder „Benjamin Blümchen“ heute nur noch auf den Flohmärkten der Republik gemacht. Wahre Fans ziehen bei den Hörspielen die Plastik-Tapes vor.

Doch der Hörspielhersteller „Europa“ kündigte 2011 an, keine MCs mehr zu produzieren. Ausnahme ist die Serie „Die drei ???“ mit den meisten MC-Sammlern. Der Grund sind die zurückgehenden MC-Käufe und der Rückgang der rechtzeitig gesicherten Vorräte von Bandmaterial. Die Hersteller für die Tonbänder machen sich weltweit rar, Kassetten werden kaum noch produziert. Der einzige weltweit verbliebene Hersteller sitzt in Indonesien. Diese Entwicklung bedeutete unter anderem das Todesurteil für MCs von „TKKG“, „Fünf Freunde“ und „Hanni und Nanni“. „Europa“ wolle sich auf die Kassettensammler der Detektiv-Reihe konzentrieren, hieß es in der Pressemitteilung. Diese werden in Röbel an der Müritz (Mecklenburg-Vorpommern) produziert. Alle anderen Serien werden seit 2012 ausschließlich auf CD veröffentlicht.

Die CD ist in digitalen Zeiten weiter recht stark. Auch Schallplatten haben mit 2,6 Prozent im globalen Vergleich einen überdurchschnittlichen Marktanteil in Deutschland. Robert Schulze vom Plattenladen „Bis auf's Messer“ glaubt nicht, dass die Kassette in zehn Jahren verschwunden ist. „Die Schallplatte war ja auch schon 100 Mal totgesagt.“ Vielleicht behält er recht und am Ende nehmen wir in ein paar Jahren wieder das Mix-Tape mit Lieblingsmusik auf und bemalen das Cover mit der Hand.

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