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Premiere in Rendsburg : Die „Känguru-Chroniken“ erobern die Theaterbühnen in SH

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Absurde Situationen, verschwurbelte Verbalschlachten und ein Hauch Klamauk – so war die erste Aufführung am Landestheater.

shz.de von
erstellt am 01.Okt.2017 | 16:33 Uhr

Rendsburg | Es kann einen schon stutzig machen, wenn plötzlich ein Känguru an der Haustür klingelt und um die Zutaten für die Zubereitung von Pfannkuchen bittet. Okay, es ist gerade nebenan eingezogen und hat noch nicht alles ausgepackt – aber ein Känguru? Weil es sich bei dem um seine Hilfsbereitschaft gebetenen Nachbarn um einen verpeilten, aber ungemein toleranten Kleinkünstler mit dem Hang zum Klugscheißen handelt, macht der keine große Sache draus. Er kommt dem nassforschen Beuteltier in jeder Hinsicht entgegen und bald zieht es ganz bei ihm ein.

In dem Episodenstück „Die Känguru-Chroniken“, das Sebastian Schachtschneider am Landestheater inszeniert hat, beschwört der Kleinkünstler, Sänger und Autor Marc-Uwe Kling herrlich absurde Situationen. Sein Känguru könnte eine Art Alter Ego sein, das alles tun und aussprechen darf, was er sich nicht traut. Und wen das Känguru nicht mag, den haut es einfach um. Punkt.

Im ausverkauften Haus der Rendsburger Kammerspiele hat Ausstatterin Lucia Becker die Bühnenwände mit Kartons gepflastert. Die bergen allerlei nützliche Requisiten, über den Kopf gestülpt geben sie einen prima Fernseh-Kasten ab, überdies lassen sie sich nahezu beliebig umgruppieren – vom Kneipentresen zum Fließband am Flughafen oder zum Schreibtisch einer unmotivierten Mitarbeiterin im Arbeitsamt.

Lorenz Baumgarten ist der Kleinkünstler, ein verschlafener, gutmütiger Softie mit Minderwertigkeitskomplex, der krampfartige Zuckungen bekommt, sobald man ihn als Kleinkünstler bezeichnet. Ihm gegenüber steht das Känguru alias Mania Haueis als durch und durch anarchische Kreatur. In schwarzem Overall mit Ohrenkapuze und sardonischem Grinsen auf den schwarz geschminkten Lippen mischt dieses aufmüpfige Wesen auf, was ihm in die Quere kommt. Dem Kleinkünstler ist es ein schonungsloser Kritiker und sprachgewaltiger Diskussionspartner, außerhalb der häuslichen vier Wände steht es für alles Fremde, das augegrenzt, besser noch: abgeschoben werden muss.

In schnell wechselnden Szenen liefern sich die Figuren intellektuell verschwurbelte verbale Schlachten – bissig, provokativ und leider oft recht plakativ. Gegen die Macht der Banken geht es genauso wie gegen Populismus, Fremdenfeindlichkeit und dumpfbackigen Nationalismus. Dazwischen wird immer mal wieder beherzt in die Saiten von E-Gitarre und Bass gegriffen, schräg gesungen oder ein Nirvana-Song gespielt. Dazu gibt ein wandlungsfähiger Timon Schleheck den stets unterlegenen verbalen Sparringspartner. Ob als Transe in der Eck-Kneipe, als blökender Fußballfan oder als nationalistischer Simpel macht er gute Mine zu diesem kabarettistisch angehauchten Kammerspiel, das vom Premierenpublikum mit reichlich Applaus gefeiert wurde.

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