Die heimliche Nationalhymne

Die Tageschau-Melodie führte die Fernsehzuschauer in den 1960er Jahren durch den Antennenwald.  Foto: ndr
Die Tageschau-Melodie führte die Fernsehzuschauer in den 1960er Jahren durch den Antennenwald. Foto: ndr

Seit 60 Jahren berichtet die Tagesschau vom Weltgeschehen / Der Flensburger Historiker Gerhard Paul erklärt den Erfolg der Erkennungsmelodie

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22. Dezember 2012, 03:59 Uhr

Hamburg | Am ersten Weihnachtsfeiertag erklingt zum letzten Mal die Titelmelodie der Tagesschau. Seit 56 Jahren gehört sie zu den absoluten Superstars der Erkennungsmelodien des deutschen Fernsehens. Ihr "Taa-taa, ta-ta-ta-taaa" ist der älteste und am meisten gesendete Jingle - so wird die knappe Erkennungsmelodie zu Beginn einer Sendung bezeichnet - der deutschen Fernsehgeschichte. Die Melodie gilt etlichen als die heimliche Nationalhymne der Bundesbürger. Sie hat sich nachhaltig in das akustische Gedächtnis vieler Fernsehzuschauer eingenistet.

Als die Tagesschau 1952 erstmals auf Sendung ging, bestand ihr Intro zunächst aus einer schwungvollen Melodie und einer eingeblendeten Filmkamera. Beides erinnerte noch sehr an die Wochenschau aus der braunen Vergangenheit. Weil man diesen Eindruck vermeiden wollte, ließ der NDR sein Tonarchiv nach einer "neutralen Musik" durchforsten. Gesucht wurde eine Musik, die zu Olympischen Spielen ebenso passen sollte wie zu einer Beerdigung. Dabei fiel die Wahl auf die Schlusssequenz der Phantasie für Hammondorgel und Orchester von Hans Carste, die dieser angeblich in sowjetischer Kriegsgefangenschaft komponiert hatte. Tatsächlich erinnert seine Melodie sehr an die futuristische Musik des Italieners Luigi Russolo und dessen von einer Geräuschorgel erzeugte Serenata per intonarumori e strumenti von 1919.

Bereits 1956 wurde die Titelmelodie der Tagesschau durch ein zeitgemäßes und dem Charakter des neuen Mediums Fernsehen besser entsprechendes Sound-Logo aus der Feder Carstes ersetzt. Dieser hatte in der Vorkriegszeit zahlreiche Filmmusiken und Kabarettkompositionen geschrieben und es 1949 zum Abteilungsleiter für Unterhaltungs- und Tanzmusik beim Berliner Rias sowie zum Dirigenten des Rias-Unterhaltungsorchesters gebracht. Außerdem machte er als Gema-Aufsichtsratsvorsitzender und Vorstandsmitglied des Deutschen Komponistenverbands Karriere. Im Auftrag des NDR arrangierte der bekannte Jazzmusiker und Klarinettist Rolf Kühn aus den Noten von Carstes "Hammond-Phantasie" die Eingangsfanfare der Tagesschau für ein großes Rundfunkorchester.

Musikalisch beherrscht war diese von den Klängen einer damals gerade unter

Jazzmusikern populären Hammondorgel. Binnen kurzer Zeit stieg Kühns Arrangement zur meistgespielten Melodie der jungen Republik auf. Für den Komponisten wurde die Tagesschau-Fanfare ein gutes Geschäft. Sie brachte ihm Tantiemen von mehreren hunderttausend DM ein. Allabendlich um 20 Uhr erklang nun nach einem staatstragenden Gong und der Ansage eines männlichen Sprechers "Hier ist das deutsche Fernsehen mit der Tagesschau, anschließend die Wetterkarte" eine sich dramatisch steigernde Orgelsequenz, gefolgt von der sechs Noten umfassenden Tonfolge Carstes. Wegen ihrer Prägnanz wird diese in Fernsehkreisen auch als "shotgun" (Schrotflinte) bezeichnet.

In den folgenden Jahren wurde der Tagesschau-Jingle mehrmals bearbeitet, ohne dass er dabei aber sein charakteristisches "Taa-taa, ta-ta-ta-taaa" verlor. Mal wurde das Arrangement orchestraler, mal rhythmisch flotter arrangiert. 1970 verschwand die Hammondorgel, die als nicht mehr populär galt. Die Republik hatte an Selbstbewusstsein gewonnen. Das spiegelte auch ihre heimliche Hymne wider.

Pompöse Orchesterklänge und eine Harfe im Hintergrund ersetzten die Orgel. 1978 zog dann mit Dagmar Berghoff erstmals eine weibliche Stimme in den Vorspann der Tagesschau ein. 1984 wurde das Intro durch dezente Schlagzeuguntermalung modernisiert. Da das öffentlich-rechtliche Fernsehen private Konkurrenz erhalten hatte, hieß es nun: "Hier ist das erste deutsche Fernsehen". 1994, 1997 und zu Beginn des neuen Jahrtausends standen weitere Änderungen an. Die pulsierenden Klänge eines Synthesizers und eine verstärkte Schlagzeuguntermalung sollten die Melodie dem Sound der Zeit anpassen. 2004 wurde die Musik aber wieder leiser abgemischt und die Klänge des Synthesizers und des Schlagzeugs zurückgefahren.

Zum 60. Jubiläum der Tagesschau am 26. Dezember 2012 erklingt nun erstmals die neue mit Hollywoodflair verjüngte Erkennungsfanfare, die Carstes Ursprungsmotiv jedoch weiterhin benutzen soll. Komponiert hat den neuen Jingle der ehemalige Assistent von Karlheinz Stockhausen, der Filmkomponist und Regisseur Henning Lohner. Zuvor hatte es heftige Kontroversen um die Neukomposition in der Presse gegeben. Markenexperten hatten davor gewarnt, die beim Publikum tief verankerte Melodie zu ändern. Doch nach Auffassung der ARD-Verantwortlichen war die Neubearbeitung auch deshalb notwendig geworden, weil das Intro manche Zuschauer noch immer an ältere Wochenschauen und an den Fanfarenklang aus Franz Liszts Les Préludes erinnert habe, mit denen der Nazi-Rundfunk seine Siegesmeldungen eingeleitet hatte. Mit Lohners Neufassung hofft man, diese Assoziationen nun endgültig vom Tisch zu haben.

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