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Wagner polarisiert : «Die echte deutsche Volksseele»: Hitler, Wagner und Bayreuth

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Hitler, Wagner und Bayreuth werden oft in einem Atemzug genannt. Dabei wird der Name des kritischen Wagner-Anhängers Thomas Mann oft übersehen, der über «Bruder Hitler» geschrieben und auch ein sehr differenziertes Wagnerbild gezeichnet hat.

shz.de von
erstellt am 01.Aug.2017 | 12:56 Uhr

Ist tatsächlich «viel «Hitler» in Wagner», wie der kritische Wagner-Kenner und -Anhänger Thomas Mann mutmaßte? Ist Hitler ein «Geschöpf aus der ideologischen Hexenküche Wagners», wie andere behaupten?

Siegfried Wagner, Sohn des Komponisten der «Götterdämmerung», sah in Hitler jedenfalls die «echte deutsche Volksseele» verkörpert, der wiederum Bayreuth als jene Stadt glorifizierte, in der «das geistige Schwert» der Deutschen und der «Bewegung» geschmiedet worden sei.

Im Bayreuther Festspielführer von 1933, der ersten Wagner-Festspiele im Dritten Reich, wurden Wagner und Hitler als die «deutschesten der Deutschen» gefeiert. Demzufolge war der Wagner-Kult jetzt auch «Chefsache», auch wenn Hitler mit seiner Wagner-Liebe in der eigenen Partei auf keine große Gegenliebe stieß. Im Ausland sah man das nüchterner - «German Culture that produced both Wagner and Hitler», beide also als ein Produkt derselben Kultur.

Auch der Name des kritischen Wagner-Anhängers Thomas Mann gehört dazu, wie es der Wagner-Mann-Experte Hans Rudolf Vaget jetzt in einer umfassenden Studie überzeugend und quellenreich darlegt («Wehvolles Erbe. Richard Wagner in Deutschland. Hitler, Knappertsbusch, Mann», S.Fischer)

Dabei beleuchtet Vaget auch die Rolle, die Hans Knappertsbusch als einer der bedeutendsten Wagner-Dirigenten vor und nach 1945 gespielt hat. «Wie viele Deutsche hielt er sich für ein Opfer des Regimes, dem er gedient hatte», heißt es in dem Buch. Vaget sieht in Wagner den «problematischsten Künstler der deutschen Kulturgeschichte». Hitler und Thomas Mann nennt er die zwei herausragenden und antagonistischen Repräsentanten des deutschen Wagner-Kults. «Es ist unglaublich, wieviel Nationalsozialismus im Bayreuthianismus schon steckt», verzweifelte der Literaturnobelpreisträger in einem Brief an den «ersten» Wagner-Enkel Franz W. Beidler, der Thomas Mann nach dem Krieg eine Art Schirmherrschaft über «Neu-Bayreuth» antragen wollte. Mann war ein kritischer Wagner-Verehrer nach dem Motto «Nur wer liebt darf kritisieren», darin nicht unähnlich der Haltung des Philosophen Friedrich Nietzsche in dieser Frage.

Denn Mann, der den Essay «Leiden und Größe Richard Wagners» verfasst hatte, blieb trotz mancher Vorbehalte ein Anhänger der meisten Wagner-Opern, allen voran «Parsifal» und «Lohengrin». Der märchenhafte Gralsritter in «Lohengrin» ist für den Autor Vaget auch eine Symbolgestalt für die kindliche Erwartung eines Künstlers, «fraglos angenommen und rückhaltlos geliebt zu werden».

Es war die Oper, die auch den jungen Hitler in seiner Schulzeit in Linz als erste tief beeindruckte. Seine Wagner-Verehrung fand ihren späten Höhepunkt, als er zum 50. Geburtstag 1939 mit Finanzierung der deutschen Industrie mehrere Original-Partituren von Wagners Opern als Geschenk erhielt, die bis heute verschollen sind. Wieland Wagner hatte noch im April 1945 vergeblich versucht, die kostbaren Handschriften aus dem sogenannten Führerbunker nach Bayreuth zu holen.

Das Nachkriegs-Bayreuth hat sich immer wieder und mit unterschiedlichem Erfolg an Neudeutungen der Wagner-Opern versucht, von Wieland Wagner über Patrice Chéreau bis Christoph Schlingensief. Seine zeitgenössische Sicht auf die «Meistersinger von Nürnberg» («Ehrt eure deutschen Meister!») zeigt in diesem Festspiel-Sommer in Bayreuth der Regisseur Barrie Kosky von der Komischen Oper in Berlin. Dabei muss sich der aus Australien stammende erste jüdische Regisseur in Bayreuth auch mit der Frage «Was ist deutsch?» auseinandersetzen, also auch mit der in der Oper beschworenen «heil'gen deutschen Kunst», die Wagner in den «Meistersingern» für manche Kritiker mit nationalistischen, anti-französischen und antisemitischen Tönen versieht.

Thomas Mann fand die «anti-welschen Redereien» gegen alles Romanische «grässlich» («...und welschen Dunst und welschen Tand sie pflanzen uns in deutsches Land»). Der Regisseur Harry Kupfer hielt anlässlich seiner Inszenierung an der Berliner Staatsoper dagegen und sieht bei Wagner einen «Appell zur Achtung der besten Traditionen, die jede Nation besitzt». Das verbiete «jede nationalistische oder gar faschistoide Deutung», meinte Kupfer. «Man muss endlich damit aufhören, sich für die 'Meistersinger' zu entschuldigen.»

Der Schatten Hitlers liegt trotzdem über der Rezeptionsgeschichte der «Meistersinger», die er zum «Festspiel der Reichsparteitage für alle Zeiten» in Nürnberg bestimmte und fast bis zuletzt bei den «Kriegsfestspielen» in Bayreuth als einzige Oper aufführen ließ.

Für Hitler gab es «keine herrlichere Äußerung des deutschen Geistes als die unsterblichen Werke» Richard Wagners. Der frühere Bundespräsident Walter Scheel sah es etwas nüchterner und traf wohl den Punkt, als er bei der Eröffnung der Jubiläumsfestspiele in Bayreuth 1976 die Bedeutung Wagners betonte und auch relativierte. Die Romantik habe eine Reihe bedeutender Künstler hervorgebracht, «Richard Wagner ist einer von ihnen» und «nicht das geistige Zentrum der Welt».

Das neue Buch «Richard Wagner in Deutschland» von Hans Rudolf Vaget liefert zu diesen Grundgedanken aktuelle Bestandsaufnahmen mit einer erstaunlichen Menge an Hintergrundinformationen. Wobei das Kapitel über Knappertsbusch trotz der vermutlich treibenden Rolle des ebenso genialen wie ehrgeizigen Dirigenten beim Protest der «Wagnerstadt München» gegen Thomas Mann 1933 nicht zwingend erscheint und das Kapitel über Thomas Mann nicht wesentlich Neues enthält.

Vagets großes Verdienst ist es aber, die offensichtlich prägende Bedeutung Wagners und Bayreuths für die Persönlichkeitsentwicklung Hitlers und seines Lebensweges bisher vielleicht am ausführlichsten dargestellt und umfassend dokumentiert zu haben. Hitler sah sich selbst als «Volkstribun» («Rienzi») und «Erlöser» («Parsifal»). Und für Winifred Wagner als Herrin von Wahnfried war er «ein Wagner-Fan und ein Freund des Hauses» mit «Herzenstakt und Wärme», wie sie in der Filmdokumentation von Hans-Jürgen Syberberg 1975 erstaunlich freimütig bekannte. Ein von Hitler geplantes monumentaleres Festspielhaus auf dem Grünen Hügel hat «der gute Onkel mit der Pistole in der Tasche», wie Wahnfried-Kinder in der Dokumentation zitiert werden, nicht mehr gebaut.

- Hans Rudolf Vaget: Wehvolles Erbe. Richard Wagner in Deutschland. Hitler, Knappertsbusch, Mann, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 560 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-10-397244-3.

Fischerverlage Wehvolles Erbe

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