Gewalt in der Geschichte : Die blutrünstige Grausamkeit der Antike

Martin Zimmermann ist Professor für Alte Geschichte an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.
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Martin Zimmermann ist Professor für Alte Geschichte an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.

Scaphismus und Rettichstrafe: Dokumente aus der Geschichte zeigen die Grausamkeiten des menschlichen Wesens in allen Exzessen und Abartigkeiten. War die Antike brutaler als die Gegenwart? Der Historiker Martin Zimmermann gibt Antworten in seinem neuen Buch.

shz.de von
19. November 2013, 14:02 Uhr

Pfählen, häuten, Menschen grillen und verspeisen - an abscheulichen Gewaltdarstellungen ist die Antike kaum zu überbieten. Griechische Geschichtsschreiber wie Herodot (ca. 485-425 v.Chr.) sparten nicht an blutrünstigen Details der Folter, um die Leser etwa von der Grausamkeit der Perser zu überzeugen. Das war teilweise schon eine „mit übelsten Unterstellungen arbeitende Geschichtsklitterung“, meint der Professor für Alte Geschichte an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, Martin Zimmermann.

Der Forscher hat nach jahrelanger Detailarbeit ein nicht gerade appetitliches Buch vorgelegt. „Gewalt. Die dunkle Seite der Antike“, heißt das 400-Seiten-Werk, in dem Beschreibungen der Chronisten der Antike von Hinrichtungen, Morde und Folter in blutigsten Facetten ausgebreitet werden. Historiographen wie Herodot oder Plutarch, Dichter wie Homer, Aischylos und Euripides, sie alle haben oft geradezu detailversessen über Gewalt geschrieben.

War die klassizistisch idealisierte Antike etwa gewalttätiger als andere Epochen der Weltgeschichte? Das verneint Zimmermann. Man könne in der Antike nichts finden, was mit den Massakern und Genoziden der Neuzeit vergleichbar wäre. „Einige Historiker weisen daraufhin, dass der Höhepunkt von Gewalt in der Menschheitsgeschichte im 20. Jahrhundert erreicht wird“, sagt Zimmermann im Interview der dpa.

Die Antike sei allerdings eine gewalttätige Zeit gewesen, weil soziale Hierarchien durch Gewalt zementiert worden seien. Für den antiken Menschen seien drastische Formen der Todesstrafe wie das Kreuzigen aber gerecht und Krieg unumgänglich gewesen, meint Zimmermann. Militärische Gewalt sei nicht kritisch hinterfragt worden.

Eine wichtige Erkenntnis: Nicht allen Beschreibungen der antiken Historiographen sollte man heute für bare Münze nehmen. Die antike Leser- oder Hörerschaft habe ziemlich genau gewusst, was Wahrheit und Dichtung war, meint Zimmermann. Fast skurril müsse dem antiken Leser etwa folgende Beschreibung vorgekommen sein: Ein betrunkener lydischer Herrscher bekommt nachts Hunger, tötet seine Frau, isst sie und wacht morgens mit ihrer abgebissenen Hand im Mund auf. „Das ist einfach absurd“, sagt Zimmermann.

Gewaltdarstellungen hätten dennoch eine große Anziehungskraft - bis heute. „Wir empfinden starke Gefühle beim Lesen und Schauen von Gewalt.“ Aber entscheidend sei, dass man die „Fiktionalitätssignale“ nicht nur in antiken Beschreibungen, sondern auch in Gewaltfilmen heute verstehe.

Denkanstöße geben die Berichte der Antike nach Ansicht des Althistorikers auch für das Verständnis aktueller Kriegsberichterstattung etwa aus Syrien. „Wir müssen immer den Verdacht haben, dass das, was erzählt oder gezeigt wird, in dieser Form gar nicht stattgefunden hat“, sagt Zimmermann. Man müsse aufpassen, dass die eigenen Reflexionsmöglichkeiten durch die emotionalen Regungen, die Gewalt auslöst, nicht eingeschränkt würden.

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