Neuverfilmung 2019 : „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz: Weltliteratur aus der Provinz

Selbstkritischer Autor: Siegfried Lenz war einer der bedeutendsten Nachkriegs-Schriftsteller.
Selbstkritischer Autor: Siegfried Lenz war einer der bedeutendsten Nachkriegs-Schriftsteller.

Sonderausgabe und Film zum Jubiläum: Vor 50 Jahren erschien der Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz (1926-2014).

shz.de von
14. August 2018, 10:23 Uhr

Im November 1965 tagte die Gruppe 47 am Berliner Wannsee. Viel literarische Prominenz war angereist. Darunter Günter Grass, Peter Bichsel, Günter Kunert. Zu denen, die aus noch nicht veröffentlichten Manuskripten vortragen durften, gehörte der noch wenig bekannte Siegfried Lenz. Er las die ersten zwölf Seiten aus einem Roman, an dem er seit einem Jahr arbeitete und der folgendermaßen beginnt: „Sie haben mir eine Strafarbeit gegeben. Joswig selbst hat mich in mein festes Zimmer gebracht, hat die Gitter von dem Fenster beklopft, den Strohsack massiert, hat sodann, unser Lieblingswärter, meinen metallenen Schrank durchforscht und mein altes Versteck hinter dem Spiegel…“

Konflikt zwischen Macht und Kunst

Siggi Jepsen sitzt in der auf einer Elbinsel gelegenen Jugendarrestanstalt. In der Deutschstunde gelang es ihm unter der Last der Erinnerungen nicht, den verlangten Aufsatz über „die Freuden der Pflicht“ zu schreiben. In seiner Zelle muss er es nachholen. Das Ergebnis ist die Geschichte seiner Familie, vor allem die seines Vaters, Polizeiposten von Rugbüll, der seinem Jugendfreund, dem Maler Max Ludwig Nansen, erst das Malverbot überbringen und dann dessen Einhaltung überwachen muss. Der zu diesem Zeitpunkt noch in Ostberlin lebende Günter Kunert notiert: „Großer Beifall für Siegfried Lenz… Ich bin von dem ins Erzählerische transportierten Schicksal Emil Noldes ungemein beeindruckt.“

Zu viel Idylle im NS-Regime?

Der Konflikt zwischen Macht und Kunst sowie der Missbrauch des Pflichtbegriffs sind Kernaussagen des Romans. Darin hat Lenz seine These verwirklicht, dass die Provinz besonders geeignet ist, um Weltliteratur zu schaffen. „Die Zentren liegen am Rande“, das Große werde im Kleinen erkennbar. Als Konsequenz aus diesem nicht unumstrittenen Standpunkt hat er den Handlungsort der „Deutschstunde“ in die nordfriesische Provinz verlegt. Seit seiner Gefangenschaft in Witzwort kannte er sich hier aus, vor allem nach Seebüll, Emil Noldes letzten Wohnsitz, reiste er während der Vorarbeiten für den Roman immer wieder, um die Menschen, die Landschaft und den Himmel zu erkunden.

Lenz war nicht nur ein langsamer und sorgfältiger, sondern auch ein selbstkritischer Arbeiter. Als er nach einer Schreibpause den Text noch einmal las, kam er zu dem Ergebnis, er habe ein ernstes Thema zu idyllisch behandelt. Daraufhin versenkte er 180 Seiten in der untersten Schublade seines Schreibtisches. Trotz dieser Selbstzensur wurde ihm später von Kritikern vorgeworfen, er habe den Krieg und den Terror des NS-Regimes als Idylle geschildert. Der Kritisierte wehrte sich mit der Erwiderung, auch der Krieg habe seine „idyllischen Seiten“.

Kein anderer Roman aus der Feder von Siegfried Lenz ist in Hunderten von Beiträgen so gründlich interpretiert worden wie die „Deutschstunde“. Dies beginnt bei der Erforschung der Namen. Es ist wohl kein Zufall, dass der Erzähler „Siggi“ heißt. Eindeutig ist auch die Deutung des Namens des Malers Max Ludwig Nansen. Es ist die Zusammensetzung aus Hansen, der sich nach seinem Geburtsort Nolde nannte. Mit dem Vornamen wollte Lenz an die Maler Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner erinnern und damit deutlich machen, dass er den von ihm dargestellten Konflikt zwischen Macht und Kunst auf alle in der NS-Zeit verfolgten Künstler beziehen wollte.

Als die Gruppe 47 im Oktober 1967 zu ihrem letzten Treffen vor der Auflösung zusammenkam, las Siegfried Lenz wieder aus dem nun fast fertigen Roman und setzte genau dort an, wo er zwei Jahre zuvor geendet hatte. Er ging davon aus, dass seine Kollegen auch die Fortsetzung loben würden. Doch stattdessen gab es vorwiegend Kritik. Er konnte sich damit trösten, dass auch Prominenz wie Günter Grass und Günter Eich nicht ungeschoren blieben. Das Klima in der Öffentlichkeit hatte sich verändert. Vor dem Versammlungsort demonstrierten Studenten gegen das literarische Establishment. Für diese aufregenden Zeiten liefert Lenz mit seiner „Deutschstunde“ eher einen besänftigenden Beitrag, kein Buch für die aufsässige junge Generation, sondern eher eines für den braven Bürger, der in der Sofaecke ein wenig Revolution miterleben möchte. Bis zum Erscheinen des Romans war Lenz ein Schriftsteller der mittleren Güteklasse. Mit der „Deutschstunde“ aber war er zum Star geworden. Das Buch stürmte die Bestsellerlisten, wurde in mehr als zwei Dutzend Sprachen übersetzt, selbst in China und Nordkorea erschienen Raubdrucke. Die genaue Auflage gab der Verlag nie heraus, sie beträgt aber mehrere Millionen.

Eine Mühle für 30.000 Mark

Die Verfilmung besorgte Star-Regisseur Peter Beauvais für den Sender Freies Berlin. Gedreht wurde vorwiegend in der Nähe von Niebüll. Mit 1,5 Millionen Mark war der Etat für damalige Verhältnisse hoch. 30.000 Mark kostete allein der Aufbau der Mühle, in der „Siggi“ die in Sicherheit, sprich gestohlenen Bilder des Malers Nolde/Nansen verbarg. Als die Mühle wie im Roman vorgeschrieben abbrannte, waren die Bewohner der Gegend verärgert. Das Bauwerk habe so gut in die Landschaft gepasst. Der Film wurde zum Mammut-Streifen, dauerte dreieinhalb Stunden, erhielt viel Lob, aber auch heftige Kritik, weil er den doppelten Boden des Romans nicht wiedergebe und, wie es in einer Rezension der „Zeit“ hieß, vorwiegend „schlichte Gemüter“ bediene.

Diesen Vorwurf will der Regisseur Christian Schwochow in seiner Neuverfilmung vermeiden. Er hält das Thema nach wie vor für hochaktuell. Zum Jubiläum gibt es eine Neuverfilmung 2019 und eine Sonderausgabe.

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