Tatort heute : „Der wüste Gobi“ aus Weimar: Schreiend komisch

Gobi (Jürgen Vogel) ist aus der Psychiatrie geflohen – nun schaut er vorsichtig aus seinem Versteck.

Gobi (Jürgen Vogel) ist aus der Psychiatrie geflohen – nun schaut er vorsichtig aus seinem Versteck.

Der Tatort kommt heute Abend mal wieder aus Weimar. „Der wüste Gobi“ ist blanker Unsinn – und oft schreiend komisch. Mit Nora Tschirner und Christian Ulmen.

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26. Dezember 2017, 15:44 Uhr

Nicht nur der Mann ist als dreifacher Frauenmörder brandgefährlich, auch sein Name ist ein Verbrechen an (fast) allen, die versuchen ihn auszusprechen: Gotthilf Bigamiluschvatokovtschvili. Zum Glück hat er einen Spitznamen – Gobi – und seinen Darsteller kennt man auch: Jürgen Vogel.

Seinen Ausbruch aus der forensischen Psychiatrie bezahlen eine Krankenschwester und offenbar auch die Frau des Chefarztes mit dem Leben. Doch wer nun denkt, der Weihnachts-Tatort sei diesmal besonders blutrünstig, irrt zumindest teilweise. Er ist vor allem schräg, schließlich spielt er in Weimar, wo Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) überwiegend zu den Feiertagen die absurdesten Fälle östlich von Münster ermitteln.

Guckst Du? Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) haben schon wieder eine Leiche.
MDR/Wiedemann&Berg/Anke Neugebau

Guckst Du? Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) haben schon wieder eine Leiche.

 

Leidenschaftlicher Stricker

Dass es da diesmal keine Ausnahme gibt, weiß man nach wenigen Minuten. Denn Gobi, auch „Würger von Weimar“ genannt, strickt nicht nur leidenschaftlich Dessous, sondern ist auch „so monogam wie ein Karnickel kurz vor Ostern“ (Dorn). Und natürlich ist alles anders als man anfangs denkt.

„Der wüste Gobi“ ist albern, unspannend, aber oft auch schreiend komisch – und damit auf alle Fälle unterhaltsamer als der letzte Münster-Tatort „Gott ist auch nur ein Mensch“. Klarer Punktsieg für die Spaßfraktion im Osten.

Auf deren Habenseite des Films von Regisseur Ed Herzog kann man diesmal unter anderem den großartigen Ernst Stötzner als reichlich durchgeknallten Professor und Chef der Psychiatrie vermerken. Höchst amüsant aber auch Arndt Schwering-Sohnrey als übereifriger, aber unterbelichteter Schutzpolizist Lupo – ihm verdanken wir die Erkenntnis „Das Leben ist wie eine Bratwurst – man weiß nie, was drin ist“.

Fließend Bigamiluschvatokovtschvili

Die besten Sprüche jedoch gehören diesmal Nora Tschirner als Kira Dorn, wohingegen Christian Ulmen allein schon dadurch beeindruckt, wie fließend ihm Bigamiluschvatokovtschvili und andere georgische Namen über die Lippen gehen.

Minuspunkte gibt’s dagegen für einen anderen running gag dieses Tatorts: Dass sich Dorn und Lessing ständig lieben wollen, ihnen aber immer irgendwas dazwischenkommt, haben die Drehbuchorten offenbar Vorlagen aus den Fünfzigern entnommen. Zumindest vernimmt man bei diesen Witzchen unüberhörbar das monotone Geräusch der Bartaufwickelmaschine im Keller (der ist übrigens auch aus den Fünfzigern).

Mimi Kalkbrenner (Jeanette Hain) liebt Gobi (Jürgen Vogel) noch mehr als ihre Harfe.
MDR/Wiedemann&Berg/Anke Neugebau

Mimi Kalkbrenner (Jeanette Hain) liebt Gobi (Jürgen Vogel) noch mehr als ihre Harfe.

 

Clown gefrühstückt?

Überhaupt die beiden Drehbuchautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger, die auch schon zum letzten und ähnlich schrägen Weimar-Tatort „Der scheidende Schupo“ die Vorlage lieferten. Die beiden scheinen mit einer Regelmäßigkeit gemeinsam einen Clown zu frühstücken.

Denn warum sonst sollte Clausen im MDR-Info zum „wüsten Gobi“ die Frage nach dem Hintergrund ihrer Geschichte so beantworten: „Bei Andreas und mir wurde zeitgleich von dem bulgarischen Schamanen Teimurazi Dschughaschpaliaschwili eine schwere neurotische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert, die uns mehr oder weniger zwang, die Arbeit in eine geschlossene landestypische Anstalt zu verlegen. Dort lernten wir sehr interessante Menschen kennen, deren Schicksale uns tief berührten.“

Nichts für Puristen

Kollege Pflüger fügt hinzu: „Da beschlossen wir spontan und vollgestopft mit abgelaufenen Psychopharmaka, im nächsten Weimarer Tatort etwas über den Menschen in unserer Zeit zu erzählen. Zusätzlich haben wir Walter Benjamin gelesen. Ein Fehler.“ Nicht unbedingt. Auch wenn so manchem Tatort-Puristen die Weihnachtsgans noch mal „Hallo“ sagen könnte. Der Spaßfraktion aber dürfte „Der wüste Gobi“ bei der Verdauung derselben eine unverhoffte Leichtigkeit bescheren.

Tatort: Der wüste Gobi. Das Erste, 26. Dezember 2017, 20.15 Uhr.

Wertung: 4 von 6 Sternen

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