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Geranien und Grauen : Der Trend zum Regionalen: Nicht nur Krimis boomen

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In fast jeder Ecke Deutschlands ist literarisch inzwischen ein Kommissar unterwegs. Der Buchmarkt hat aber die Themen Landlust und Heimat allgemein wiederentdeckt. Beim Regionalkrimi scheint jedoch eine Konsolidierung angesagt.

shz.de von
erstellt am 11.Okt.2017 | 11:08 Uhr

Jutta Wilkesmann erhält in ihrem Buchladen gelegentlich unangemeldeten Autorenbesuch. Es sind Leute, die im stillen Kämmerlein einen Krimi geschrieben haben und nun für ihr selbst verlegtes Manuskript einen Platz in der «Wendeltreppe» suchen.

Die gehört seit der Gründung vor fast 30 Jahren zu den wenigen Krimi-Buchhandlungen in Deutschland. Doch Wilkesmann ist oft nicht so glücklich mit den handgestrickten Geschichten. «Regionalkrimis sind nicht immer gut», sagt die Buchhändlerin.

So mancher Kritiker ist sogar der Ansicht, dass die meisten Geschichten schlecht geschrieben sind. Dem Boom hat es jedoch keinen Abbruch getan. Seit Jacques Berndorf Ende 1989 seinen ersten Eifel-Krimi schrieb, hat fast jeder Landstrich und jede mittelgroße Stadt in Deutschland ihren eigenen Krimi erhalten. Auf diese Kommissare haben sich auch die TV-Sender gestürzt.

Zu den vielen Stars der Szene mit Millionenauflagen gehören Autorinnen wie Nele Neuhaus mit ihren Taunus-Krimis, Rita Falk mit ihren Provinzkrimis im fiktiven Niederkaltenkirchen oder die im schönen Werdenfelser Land angesiedelten Alpen-Krimis von Jörg Maurer. «Gleich hinter den Geranien lauert das Grauen», hat der für seine ironischen Anspielungen bekannte Maurer seinen Ansatz einmal genannt.

«Das Wiedererkennen des Schauplatzes ist ein zusätzlicher Bonus», sagt dazu Cordelia Borchardt vom Verlag S. Fischer in Frankfurt, der neben Maurer die ebenfalls immens erfolgreichen Ostfriesen-Krimis von Klaus-Peter Wolf im Programm hat. An der Nordseeküste gehören inzwischen - wie auch in anderen Krimiregionen Deutschlands - Führungen auf den Spuren von Wolfs Romanen zum Pflichtprogramm von Kurorten.

Andere haben das Ermitteln in die von den Deutschen geliebten Urlaubsregionen ins Ausland verlegt. Sehr hoch in der Lesergunst stehen die Bretagne-Krimis von Jean-Luc Bannalec, einem deutschen Autor mit französischem Pseudonym.

Der Trend zu Landlust und Landliebe beschränkt sich aber im Buchmarkt nicht nur auf Krimis. Der nach 1945 wegen der Blut-und-Boden-Politik im Nationalsozialismus lang verpönte Begriff Heimat wird neu entdeckt. «In der globalisierten Welt wird das, was in meinem Blickwinkel liegt, als Bezugspunkt immer wichtiger», sagt Jürgen Kron vom Droste Verlag in Düsseldorf.

Sein Haus hat gar keine Krimis im Sortiment, sondern produziert andere Dinge rund um das Thema Heimat: Büchern zum Wandern oder zur regionalen Kulturgeschichte. Zum dritten Mal sind jetzt im September bundesweit spezielle «Regionalbuchtage» organisiert worden, an denen sich 250 Buchhandlungen beteiligt haben. «Wir versuchen den Trend zu verstärken», sagt Kron, der im Börsenverein des Deutschen Buchhandels für die zuständigen Verlage spricht.

Der Regionalkrimi braucht jedoch am wenigsten Werbung. Allerdings ist nach der Titelflut der vergangenen Jahre inzwischen eine Konsolidierung eingetreten, wie Cordula Borchardt feststellt, die in ihrer Verlagsgruppe für die Unterhaltung zuständig.

Den Begriff Regionalkrimi mag sie ohnehin nicht, da er in Deutschland immer noch oft abwertend gemeint sei. «Die Autoren stehen immer im Verdacht, Schund zu schreiben.» Jedes Buch müsse individuell betrachtet werden, meint auch «Wendeltreppe»-Buchhändlerin Wilkesmann. «Es gibt nur gute oder schlechte Krimis.»

Buchhandlung Die Wendeltreppe

IG Regionalia des Börsenverein des Deutschen Buchhandels

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