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Landesbischof Ulrich : „Der Tod hat nicht das letzte Wort“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Licht in der Dunkelheit – Gedanken zur Auferstehung von Landesbischof Gerhard Ulrich.

Dunkel ist es. Zwei Feuer brennen. Menschen stehen in Gruppen um die Flammen herum. Und an dem einen Feuer steht ein Mädchen in einem blauen Kleid, angelehnt an seine Mutter. „Das blaue Kleid“ ist denn auch der Titel dieses Bildes, das Christoph Thiele im Jahr 2000 gemalt hat. Es erinnert an die Tradition der Osterfeuer. In der Nacht vor Ostersonntag werden große Holzstöße angezündet. Und viele Menschen aus dem Dorf oder dem Stadtteil versammeln sich darum, um zu klönen, Gemeinschaft zu erleben.

Die Feuer werden entzündet auch in der Sehnsucht nach Licht in aller Dunkelheit, die wir erfahren, nach Wärme in einer erkalteten Gesellschaft. Auf dem Bild von Christoph Thiele erleuchten die Flammen eines solchen Feuers „das blaue Kleid“. Überraschend ist das Licht in der Nacht. Es erleuchtet staunende Gesichter, die sehen, wie das Licht, das Feuer des Geistes, eine kleine Gestalt am Rande hervorhebt.

Blau ist die Farbe des Himmels. Es steht für Ewigkeit und Wahrheit und symbolisiert in der jüdisch-christlichen Tradition Gott. Im Licht eines weltlichen Events scheint etwas vom Glauben auf, vom Vertrauen auf Gott, das gerade in dieser Nacht vor Ostern seine unverwechselbare Tiefe bekommt. Gott ist am Werk, daran erinnert diese Nacht. Gottes Schöpferkraft, die aus dem Dunkel Licht, aus dem Nichts Alles und aus dem Tod Leben schafft. Jesus Christus, der getötet wurde, weil er Gottes Liebe und Gerechtigkeit in die Welt gebracht hat und die Welt sich lieber mit Macht, mit Stärke und einem bequemen Lebensstil befassen wollte – dieser Jesus wird auferweckt zu neuem Leben. Zu einem Leben, in dem der Tod überwunden ist.

Der Tod hat nicht das letzte Wort. Das ist es, was die ersten Christen erlebt haben: In verschlossenen Zimmern saßen sie und hatten Angst – und dann hören sie die vertraute Stimme: Fürchtet euch nicht. Ratlos und mutlos waren sie – und trafen einen, der ihnen Gottes Wort erklärt und mit ihnen das Brot brach, und sie begriffen: Er lebt. Jesus lebt. Ist auferstanden. Ist hier und jetzt da. Für mich. Für dich. Keiner weiß, wie. Aber so ist es: Stein weg vom Grab, besondere, erleuchtete Momente waren es.

Aber es waren immer auch verwirrende Momente. Die ersten Zeugen der Auferstehung, die Frauen, die am Ostermorgen zum Grab Jesu ging, flohen voller Angst von dem Ort, so berichten die Evangelien. Und auch die Erscheinung des Auferstandenen selbst ruft nicht nur Glauben, sondern auch Zweifel und Verunsicherung hervor. Kein Wunder, denn äußerlich gesehen bleibt die Welt wie sie ist. Das Osterereignis, die Auferweckung Jesu von den Toten, hat weder für den Rest des Universums die Naturgesetze außer Kraft gesetzt noch die Weltgeschichte zum Ende gebracht. Die Christenmenschen leben noch immer „im Glauben und nicht im Schauen“. Und andere Menschen leben auch ganz ohne Glauben.

In der Osternacht brennt eben nicht nur ein Feuer, sondern es brennen zwei, wie auf dem Bild von Christoph Thiele, oder sogar noch mehr. Verschiedene Orte von Licht und Wärme, um die Menschen sich sammeln. Es gibt die Kirche, die Moschee, den Tempel. Es gibt diejenigen, die im Büro ganz bei sich selbst sind, und andere, die dazu ins Stadion gehen. Das Fitness-Studio kann Ort der Begegnung sein oder das soziale Netzwerk im Internet. Manche wollen allein sein und andere suchen ein Mehrgenerationen-Haus. Ostern macht nicht alles klar und macht nicht alles gleich. Das Leben bleibt bunt und vielfältig und Menschen bleiben so verschieden, wie sie es immer waren.

Aber ein blaues Kleid leuchtet auf im flackernden Licht. Und Flecken von Blau auch an der einen oder anderen Stelle. Gottes Himmel scheint auf in der Welt und Menschen werden zum Widerschein dieser neuen, anderen Wirklichkeit. Sie erleben, dass jeder Mensch für Gott wichtig ist, ob Mann oder Frau oder Kind, ob dunkel- oder hellhäutig, ob krank oder gesund, ob beliebt oder gemieden – jeder Mensch ist Gottes Geschöpf. Und deshalb soll es niemanden geben, dessen Würde mit Füßen getreten wird. Deshalb wird es ein Aufstehen geben, wo immer Menschen gedemütigt werden, wo immer Menschen der Weg zu Bildung und Selbstbestimmung versperrt wird, wo immer die Humanität von Profit und Gier in den Schatten gedrängt wird.

Ja, Schatten und Dunkel sind da – das Bild von Christoph Thiele zeigt es deutlich. Aber es gibt, in aller Dunkelheit, das Licht des Lebens. Es zeigt sich die Wärme der Liebe in der Kälte der Gesellschaft. Es gibt eben auch das Kind mit dem blauen Kleid, das für den Glauben steht, der Gott verändernde Kraft in dieser Welt vertraut. Der das Wort des Auferstandenen hört: „Fürchte dich nicht!“ und selbst aufsteht und sich auf den Weg macht, dem Licht entgegen.



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