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Kultur

12. Dezember 2017 | 18:59 Uhr

Der singende Spaziergänger

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Knut Kiesewetter war nicht nur ein vielseitiger Künstler, sondern auch ein heimatverbundener Mensch, der viele Spuren in Nordfriesland hinterlässt

shz.de von
erstellt am 30.Dez.2016 | 07:43 Uhr

Nordfriesland war die Heimat von Knut Kiesewetter (75), und sie hat ihn geprägt. Der Geburtsort des Sängers, Komponisten, Texters und Produzenten war zwar Stettin, aber mit seiner persönlichen Entwicklung hatte das in keinster Weise etwas zu tun. Er war Nordfriese durch und durch. Nun ist er in seiner Wahlheimat gestorben – am Mittwoch plötzlich und unerwartet in seinem Haus in Garding. Wer ihn kannte, weiß, dass er es sich genau so gewünscht hatte. Allerdings nicht zu diesem Zeitpunkt, denn er war voller Lebensmut und Pläne, hatte mit seiner Autobiografie im nächsten Jahr auf Lesereise gehen wollen.

Aufgewachsen in Garding und St. Peter-Ording, tat sich für ihn mit 13 Jahren eine vollkommen neue Welt auf, als er zufällig den singenden Posaunisten Jack Teagarden aus den USA hörte. Als Jugendlicher spielte Knut Kiesewetter Tanzmusik, trat mit 18 neben den damals noch unbekannten Beatles im Hamburger Musikclub Indra auf und veröffentlichte mit 19 seine erste Single. Es folgte ein Studium an der Musikhochschule in Lübeck und in Hamburg – Jazz war inzwischen tief in seiner Seele verankert. Er schrieb Lieder für sich und andere wie Gitte und Eartha Kitt, entdeckte Sänger und verhalf ihnen zum Erfolg. Hannes Wader und Fiede Kay waren lange musikalische Wegbegleiter. Zu seinem persönlich größten Erfolg wurde 1976 das Album „Leeder vun mien Fresenhof“ mit Stücken in plattdeutscher und friesischer Sprache. Der Fresenhof in Bohmstedt, in dem er mit seiner Frau Regine und seinem Sohn Klas wohnte, war lange Zeit sein Lebensmittelpunkt und Rückzugsort. Später lebte dort der Fernsehmoderator Peter Lustig („Löwenzahn“), der im Februar gestorben ist.

Knut Kiesewetter war sehr vielseitig, sein ausgeprägtes Wissen über verschiedenste Themen machten ihn zu einem wertvollen Gesprächspartner. Mit seiner schonungslosen Direktheit konnte allerdings nicht jeder umgehen, er war eben ehrlich. Eine, die diesen Charakterzug sehr an ihm schätzte, ist Barbara Hartmann, seine wohl engste Wegbegleiterin. Sie kannte das Ehepaar Kiesewetter seit vielen Jahren, und nach dem Tod von Regine Kiesewetter im November 2015 rückten die beiden noch näher zusammen. Der 75-Jährige sei nach einer schweren Zeit der Trauer wieder voller Tatendrang gewesen und habe viele neue Projekte angefangen. „Er wollte eine Fortsetzung seines Buches und ein Liederbuch schreiben“, sagte sie.

Da Kiesewetter mit lediglich zwei Prozent Sehkraft kaum mehr etwas erkennen konnte, hätte er ihr seine Gedanken diktiert – genauso wie bei seinem Erstlingswerk „Fresenhof – Ein Stück von mir“, eine Autobiografie in Anekdoten. „Er war meine selbst gewählte Familie und ich seine“, betont Barbara Hartmann und auch, dass es keine „romantische Beziehung“ war, sondern eine tiefe Freundschaft.

„Ein großartiger Künstler ist von uns gegangen“, sagt der Gardinger Rainer Martens, selbst Musiker. Persönlich kennengelernt hat Rainer Martens den Liedermacher 1994. Einmal sind sie zusammen aufgetreten. Und Kiesewetter war es auch, der den Anstoß zu einer beliebten Veranstaltung in Garding gegeben hat: der Musikantenbörse, die im nächsten Jahr ihr 20-jähriges Bestehen feiert und die Martens mitorganisiert. Immer dienstags im Sommer wird die ganze Innenstadt zur Freilichtbühne, mehrere Bands treten pro Abend auf. „Allerdings hat er schon im zweiten Jahr nicht mehr mitgemacht, das Niveau war ihm nicht hoch genug“, sagt Martens.

Vielen Menschen aus der Region wird Knut Kiesewetter vermutlich als singender Spaziergänger in Erinnerung bleiben. Die Gardingerin Renate Liedtke traf ihn immer wieder auf einsamen Wegen. „Man hörte ihn schon von Weitem, aber wenn man näher kam, verstummte er“, erzählt sie. „Ich habe ihn immer gebeten weiterzumachen.“ Seine Antwort war stets die gleiche: „Nein, ich möchte keinen stören.“ Doch sobald er sich unbeobachtet fühlte, stimmte Kiesewetter ein neues Lied an, berichtet die 67-Jährige schmunzelnd.

Frank Dostal, Textdichter und Producer aus Hamburg, kannte Knut Kiesewetter seit mehr als 50 Jahren. Seine Erinnerungen an ihn: „Die Nachmittagsvorstellung im Oase Kino auf der Reeperbahn besuchten meist maximal 30 bis 50 Nachtarbeiter, darunter Kellner, Tänzerinnen, Huren, Luden und Musiker. Oft, wenn der Vorspann des Hauptfilms gerade begann, öffnete sich der Saaleingang hinten links und ein großer, englisch-elegant gekleideter junger Mann ging Italo-Western-mäßig langsam aber direkt nach ganz vorne in die erste Sitzreihe. Er legte sich in den Sessel, so dass er, fast senkrecht zur Leinwand hinauf schaute. Alles gut, Knut?“, rief es vereinzelt aus dem Saal. „Jo!“, antwortete er.

Anfang der 1980er-Jahre begann Kiesewetters Stern zu sinken, auch weil er nie von seiner Linie abweichen wollte. Er trat nur noch selten auf. Stattdessen unterrichtete er an der Hamburger Musikhochschule. Sein Ausflug in die Politik – 1976 war er Mitbegründer der „Grünen Liste Nordfrieslands“ – war dagegen nur kurz, zu viele Wichtigtuer, fand er, denen es nicht um die Sache ging.

Knut Kieswetter wird auf See bestattet, wie seine Ehefrau. „So wollte er es“, sagt Barbara Hartmann. Die Nordsee wird zu seiner letzten Ruhestätte.

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