Vergiftete Verbindungen : Der sanfte Farbenseher und sein dunkler Freund

«Dunkelgrün fast schwarz» von Mareike Fallwickl. Frankfurter Verlagsanstalt
«Dunkelgrün fast schwarz» von Mareike Fallwickl. Frankfurter Verlagsanstalt

Was für ein Debüt! Mareike Fallwickl: ein neuer Name auf der langen Liste großer österreichischer Autoren.

shz.de von
13. März 2018, 10:12 Uhr

Raffael ist ein Charmeur und Verführer, ein Demagoge und Manipulator, ein Sadist und Menschenquäler. Moritz ist lieb, schüchtern, passiv - die beiden sind beste Freunde.

Dass das nicht gut geht, wird dem Leser schnell klar im Debütroman «Dunkelgrün fast schwarz» von Mareike Fallwickl. Aber es kommt schlimmer. Auf Jahrzehnte vergiftet diese Verbindung das Leben aller Menschen in ihrem Umfeld.

Als «Motz» und «Raf» auf dem Spielplatz des abgelegenen Bergdorfs oberhalb von Salzburg Freunde werden, sind sie drei Jahre alt. Als sie sich nach 16 Jahren wiederbegegnen, sind sie erwachsene Männer. Moritz wird bald Vater, hat einen guten Job, eine schöne Wohnung, eine hübsche Freundin, ein geordnetes Leben. Bis Raf vor seiner Tür steht und sich erneut in seinem Leben breit macht. Es ist wie früher, wie immer: «Mit Raf befreudet zu sein», sagt Moritz, ist «das Schlimmste und das Beste zugleich». 

Und dann klingelt es erneut: Johanna steht vor der Tür. Das traurige Mädchen ohne Eltern hatte die Verbindung zwischen Moritz und Raffael zu einem Dreieck geweitet, «dessen scharfe Kanten keinen unverwundet lassen». Sie war Moritz' erste Liebe, bis sie mit 17 von einem Tag auf den anderen verschwand und seine Träume mitnahm. 

Was Moritz nicht weiß, hat der Leser bereits erfahren: Raffael ist ein Schwindler und Betrüger, der um die Welt jettet und unter falschen Identitäten einsame Frauen ausnimmt. Johanna reist ihm hinterher und schreibt zur Tarnung an einen morbiden Anti-Reiseblog. «Jo» lässt sich herumschubsen und demütigen - und doch ist sie die stärkste und schlauste Figur im Dreieck. 

Was für ein Plot, was für Figuren, welche Sprache, welche Tiefe: Wut klebt an Körpern «wie eine Zuckerschicht, feinkörnige Brösel Zorn». Unartikulierte Gefühle sind wie ein Duft, der sich «in tausend kleine Teile zersetzt und anders riecht als gedacht». 17-Jährige wissen mehr als 50-Jährige, aber das Wissen nützt nichts, «weil dir der Rahmen fehlt, weil Du es nicht einspannen kannst in den Kontext der Erfahrung». 

Der zunächst rätselhafte Titel bezieht sich auf Moritz' Synästhesie, eine seltene Gabe, bei der Menschen imaginäre Farben sehen. Bei vielen Synästheten haben Zahlen oder Töne einen Farbschimmer, bei Moritz sind es Menschen. Seine Freundin strahlt in leuchtendem Pink, Johanna ist gelb, Raffaels Farbe war einst «knospengrün, raupengrün, an manchen Tagen limonenhell», jetzt ist das Grün viel dunkler mit schwarzen Flecken «wie Schimmel».

Wichtigste Nebenfiguren sind die Mütter der beiden Freunde: das zum Esoterischen neigende, dem Alkohol zugeneigte Ex-Model Sabrina und die introvertierte, ihr Getreide selbst schrotende Marie. Widerwillig sitzen die beiden Großstadt-Frauen in dem Berg-Kaff fest und werden doch keine Freunde. Mit großen Zeitsprüngen berichten sie alle - aus ihrer jeweils ganz persönlichen Perspektive - über die Beziehung zwischen Motz und Raf. 

Ein Motor und sein Wagen sei dieses Gespann, stellen sie fest, ein Planet und sein Trabant, ein Spieler und der Bumerang, der stets zu ihm zurückkehrt. «Freundschaft knackt Dich, bricht Dich auf», sagt Johanna, «und wenn Freundschaft Dich erstmal aufgerissen hat, gehst Du nicht mehr zu. Dann klaffst Du und weinst und bereust, aber es ist zu spät.» 

Mareike Fallwickl, Jahrgang 1983, ist selbst in Hallein bei Salzburg aufgewachsen, dem Ort in dem ihr Buch spielt. Sie arbeitet als Texterin, Lektorin, Journalistin und betreibt einen Literaturblog. «Vermiete oft benutztes und gut genährtes Gehirn in ansprechender Originalverpackung aus den 1980er-Jahren», wirbt die Autorin für sich, «die Region für Sprache ist ungewöhnlich stark ausgeprägt.»

Das Buch erinnert in Teilen an Juli Zehs «Spieltrieb» und ist ihm an Intensität ebenbürtig. Es ist diesem Buch zu wünschen, dass der Verkaufserfolg nicht darunter leidet, dass es bei der vergleichsweise kleinen Frankfurter Verlagsanstalt erschienen ist, sondern im Gegenteil: dass FVA-Verleger Joachim Unseld den Ruhm dafür einfährt, nach Nino Haratischwili («Das achte Leben») erneut eine große Autorin entdeckt zu haben.

- Mareike Fallwickl: Dunkelgrün fast schwarz, Frankfurter Verlagsanstalt, 480 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 9783627002480.

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