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Nobelpreis ohne Bob Dylan : Der Preis des Schweigens

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bob Dylans Abwesenheit bei der Verleihung des Literatur-Nobelpreises in Stockholm schürt immer neue Spekulationen.

shz.de von
erstellt am 10.Dez.2016 | 13:08 Uhr

Es ist ja nicht so, dass er Schweden grundsätzlich meidet. In den vergangenen drei Jahren war Bob Dylan ein paar Mal in dem skandinavischen Land, er hat 2013 und 2015 drei Konzerte in Stockholm gegeben, 2014 machte der reisende Sänger während seiner Neverending Tour in Helsingborg und Göteborg Station. Nur heute wird er nicht da sein, während des vermeintlich wichtigsten Termins, den er bislang in Schweden hatte. Die Verleihung des Literatur-Nobelpreises hat Bob Dylan abgesagt, wegen, das kann man gar nicht oft genug wiederholen, „anderer Verpflichtungen“. Stattdessen ist eine gute Freundin, die Sängerin Patti Smith, nach Stockholm gereist. Sie wird „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ singen.

Und es wäre nicht überraschend, wenn Dylan heute in irgendeinem Sportstadion fotografiert wird oder beim Spaziergang, wahrscheinlicher ist aber, dass er sich ganz einfach nicht in der Öffentlichkeit zeigt. Vieles ist schon über seine Nichtanwesenheit in Stockholm geschrieben worden, wahrscheinlich sogar zu viel. Einiges war zu lesen von der Ignoranz des großen amerikanischen Musikers und Schriftstellers, der Respektlosigkeit gegenüber Preis und Jury. Diese Urteile sind, ebenso wie die Beurteilung der Auszeichnung, entstanden auf der Basis der vorwiegenden öffentlichen Einschätzung – und Meinung.

Aber genau dieses Prinzip widerspricht allem, was Bob Dylan ausmacht. Er entzieht sich der Öffentlichkeit, dem Diskurs um sein Leben und Werk, die Deutungshoheit hat über all die Jahre immer noch Dylan selbst behalten. Das geht beim Namen los, denn eigentlich heißt er ja Robert Zimmerman; ausgezeichnet aber wird Bob Dylan, die Kunstfigur und Künstlerfigur. Es wäre interessant zu erfahren, wie Dylan reagiert hätte, wenn die Schweden Mr. Zimmerman eingeladen hätten. Vielleicht hätte der ja Zeit gehabt heute. Hätte, wäre, könnte. Dylan-Deutungen funktionieren nur im Konjunktiv, denn vieles ist nur Vermutung. Auch deshalb gibt es eine große Dylan-Communitiy, die jede Regung und Nicht-Regung, jeden Song interpretiert. Und es gibt einiges zu interpretieren, denn Dylan ist unkonventionell: Er agiert eigentlich immer anders als erwartet.

„Ihn eigenwillig zu nennen, ist vermutlich eine Untertreibung“, sagt etwa Heinrich Detering: „ Er ist ein konsequenter Exzentriker.“ Der gebürtige Neumünsteraner Detering ist nicht nur einer der renommiertesten Literaturwissenschaftler Deutschlands, er ist auch ein großer Kenner von Dylans Werk. Gerade erst ist von ihm „Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele“ (C. H. Beck) erschienen. Aber Dylans Reaktion auf den Nobelpreis zu erklären, das fällt auch Detering nicht ganz leicht. „Ich habe grundsätzlich das Gefühl, dass es ihm geradezu physisches Unbehagen zu bereiten scheint, in dieser Weise Gegenstand der Verehrung zu sein.“ Abwesenheit als Zeichen der Bescheidenheit also, das klingt doch nach einem durchaus sympathischen Wesenszug. Noch grundlegender und wichtiger ist aber wohl Dylans Sorge vor falscher Gewichtung seines Lebenswerks: „Mit dem Nobelpreis fühlt er sich, vermute ich, ganz auf die Seite der Hoch-, der Bildungskultur gezerrt. Damit aber würde er die lebens- und werkbestimmende Balance von Pop- und Kulturtradition verlieren.“

Als Beleg dafür nennt Detering den Umstand, dass Dylan seit dem Tag der Preisverkündung während seiner Konzerte den Sinatra-Klassiker „Why Try to Change me Now?“ singt – mehrere Dylan-Deuter haben dieses Lied als Zeichen seines Unbehagens über die Stockholmer Auszeichnung interpretiert. Vom Meister selbst gibt es dazu, wenig überraschend, keine Aussage.

Bis Freitagabend war auch auf Dylans offizieller Homepage kein Hinweis auf den Literatur-Nobelpreis zu finden. Topmeldung war stattdessen, dass er für zwei Grammys nominiert ist. Da ist sie wieder, die Frage der Balance. Der Grammy ist ein reiner Musikpreis, was dafür sprechen würde, dass Dylan gerade die Bedeutung seiner populäreren musikalischen Seite stärken möchte. Andererseits ist in diesen Tagen ein umfangreicher Prachtband mit seinen „Lyrics“ – allen Songtexten von 1962 bis 2012 – erschienen. Auch dieses eher literarische Buch findet auf der Internet-Seite Erwähnung.

Der Dylan-Übersetzer Gisbert Haefs verweist in seinen äußerst knappen Vorbemerkungen für den „Lyrics“-Band, der bei Hoffmann & Campe verlegt wird, auf die vertraglichen Vorgaben von Dylans Management, „die keine Abweichungen von der Originalausgabe zuließen, was auch Anmerkungen ausschließt“. Kurz gesagt: Interpretationen sind nicht erwünscht. Nur Dylan spricht für Dylan.

Vielleicht ja schon heute, es heißt, er würde eine kurze Rede verlesen lassen. Auf jeden Fall aber im kommenden Jahr. Dann muss Dylan in Stockholm seine Nobel-Vorlesung halten. Vielleicht singt er dann auch. Denn seine Neverending Tour soll ihn, so heißt es, 2017 wieder nach Schweden führen.

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