150 Jahre „Das Kapital“ : Der Philosoph als Ware: „Marx wäre erschüttert“

<p>Eine Büste von Karl Marx im ehemaligen Museum für Staatssicherheit und jetzigem Stasi Museum in Berlin.</p>

Eine Büste von Karl Marx im ehemaligen Museum für Staatssicherheit und jetzigem Stasi Museum in Berlin.

Vor 150 Jahren erschien „Das Kapital“ – der Autor der Kapitalismus-Analyse ist seit damals selbst zur Ware geworden.

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18. Juni 2017, 18:28 Uhr

Es ist die wohl bitterste Pointe der Geschichte: Wer sich in diesen Tagen auf die Spuren von Karl Marx begibt, der landet auch in der Simeonstraße 8 in Trier. Wenige Straßen von seinem Geburtshaus entfernt liegt das einstige Wohnhaus der Familie Marx. Heute beherbergt das Gebäude einen Ein-Euro-Shop.

Vor 150 Jahren fand „Das Kapital“ von Hamburg aus seinen Weg in die Welt. Der Verleger Otto Meissner brachte das Buch mit einer Startauflage von gerade einmal 1000 Exemplaren auf den Markt. Es sollte in der Folge nicht die schwindelerregenden Verkaufszahlen des wenige Jahre zuvor veröffentlichten Kommunistischen Manifests erreichen, die nur von der Bibel und Maos rotem Büchlein übertroffen werden. Doch dafür avancierte die von Marx im britischen Exil verfasste Analyse zum absoluten Longseller. Bis heute.

Der Analytiker von Waren, Warenkreisläufen und Preisen ist darüber allerdings selbst in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Ware geworden – und hat Einzug in die Pop-Kultur gefunden. Sein Konterfei prangt auf T-Shirts, Schlüsselanhängern, Wanduhren. In den Popsongs der letzten drei Jahrzehnte referieren Musiker wie Bob Dylan in ebenso auf den Mann aus Trier und sein Werk wie die Pet Shop Boys, Nick Cave, Randy Newman oder die Kölsch-Baden von Bap. Und für Exemplare der Erstausgabe vom „Kapital“, das seinerzeit für drei Taler und zehn Neugroschen über die Theke gegangen sein soll, bieten Sammler auf Auktionen inzwischen fünf- und sechsstellige Euro-Beträge.

„Ein Personenkult, wie er heute teilweise zu beobachten ist, ist nicht im Sinne von Marx gewesen“

Ob Marx das gefallen hätte? Am Institut für Sozialwissenschaften im Fachbereich Politikwissenschaft der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hat Ines Weber da so ihre Zweifel. „Ich glaube er wäre sehr erschüttert, insbesondere von der Tatsache, dass er selbst vermarktet, also vom Kapitalismus ‚genutzt‘ wird, um Profit zu machen“, sagt die Wissenschaftlerin, die unter anderem zum Sozialismus in der DDR geforscht hat. Und dennoch: Ein Jahr vor seinem 200. Geburtstag ist Marx in aller Munde – in Trier, in Berlin, in Peking. „In der Tat genießt Marx heute große gesellschaftliche Bekanntheit und in einigen Kreisen auch große Popularität“, sagt Weber. Teilweise werde er als eine Art „Popheld“ gefeiert. „Was schon etwas merkwürdig anmutet“, so Weber. Ein Personenkult, wie er heute teilweise zu beobachten sei, sei nicht im Sinne von Marx gewesen. „Zumindest würde ich Marx so nicht verstehen“, sagt die Kieler Forscherin.

Die Rückkehr von Marx lässt sich deutlich an den Verkaufszahlen ablesen. Allein zwischen 1969 bis 1975 – in der Hochzeit der 68er – verkaufte der Berliner Dietz-Verlag gut 50.000 Exemplare des mehr als 2000 Seiten umfassenden Werkes – pro Jahr. Später gingen die Verkäufe vom „Kapital“ bis auf ein paar hundert Exemplare zurück. Doch seit der Finanzkrise geht es wieder aufwärts, zwischen 800 und 1500 Exemplare verkaufte Dietz in den vergangenen Jahren. Es gilt: Wo die Krise ist, da ist auch Marx. Seit 2013 gehört das Buch zum Weltkulturerbe der Unesco.

Das Thema der sozialen Ungleichheit macht Marx bis heute populär

Doch so präsent der Autor und sein Werk in öffentlichen Debatten auch sind: „Die Details in Marx’ Werk selbst sind der breiten politischen Öffentlichkeit meines Erachtens nach nicht in Gänze bekannt“, gibt Weber zu bedenken. Allerdings seien die soziologischen und ökonomischen Studien von Marx und Engels auch nur noch bedingt auf „unsere Zeit“ übertragbar. „Was allerdings nach wie vor genutzt werden kann und sollte, ist der kritische Blick, mit dem Marx und andere die Gesellschaft betrachtet und hinterfragt haben.“

Weder Kant noch Nietzsche, geschweige Schopenhauer oder Wittgenstein, wirken in der breiten Masse so nach wie Marx. Für Weber gibt es dafür gute Gründe – die nicht zuletzt im großen Thema von Marx liegen: der sozialen Ungleichheit. Er und andere hätten während der beginnenden Industrialisierung nicht nur die Möglichkeiten der technischen Neuerungen gesehen, sondern auch deren gesellschaftliche Schattenseiten, erklärt Weber. „Sie haben bei denjenigen, die davon überzeugt waren, dass der Kapitalismus Vorteile für alle hat, den Finger in die Wunde gelegt und darauf hingewiesen, dass das nicht der Fall ist und Menschen aufgrund wirtschaftlicher Verhältnisse ungleiche Lebensbedingungen haben“, so die Wissenschaftlerin. Auch wenn die Umstände heute in vielerlei Hinsicht andere seien – die gesellschaftliche Diagnose bliebe, sagt sie.

Geblieben ist 150 Jahre nach Erscheinen vom „Kapital“ nach Einschätzung von Weber „die kritische Perspektive auf Herrschaftsverhältnisse“. Sie meint damit, dass wir durch Marx und andere Denker heute dafür sensibilisiert seien, „dass sehr starr und unveränderlich erscheinende Verhältnisse nicht immer so waren“ – sondern eben erst gemacht worden sind.

Ob Marx sich mit dem Ein-Euro-Shop in seinem Wohnhaus abgefunden hätte? Das darf bezweifelt werden. In seinem Geburtshaus – knapp einen Kilometer vom Wohnhaus entfernt – betreibt die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung das Karl-Marx-Museum. Eintritt: Vier Euro.

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