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Ausstellung über Militärzeit : Der Krieg des Soldaten Grass

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Demnächst beschäftigt sich eine neue Sonderausstellung im Lübecker Grass-Haus mit der Militärzeit des Nobelpreisträgers.

shz.de von
erstellt am 06.Aug.2014 | 08:46 Uhr

Lübeck | Dieser Mann hat viele Gesichter. So viele, dass man sich mitunter fragen muss, ob mehrere von ihm durch das Land streifen: Der Schriftsteller und der bildende Künstler, der SPD-Berater und Welterklärer mit den bekannten biografischen Nebenwirkungen und, nicht zu vergessen, der Literaturnobelpreisträger. Besondere Kennzeichen: Buschiger Schnurrbart, ausgebeulte Cordhose. Der Name: Günter Grass.

Der beklagte unlängst in einem Interview mit der „Zeit“ seinen schlechten Ruf: „Ich wundere mich darüber, was für ein Bild von mir in der Öffentlichkeit produziert worden ist: Immer verbissen, Rechthaber, immer den Zeigefinger hoch. Viele, die mich kennenlernen, sind erstaunt, dass ich eigentlich ein umgänglicher Mensch bin, sogar zuhören kann.“

Also noch einer mehr: Grass, der Zuhörer. Diese Seite ist tatsächlich in all den Artikeln und öffentlichen Diskursen über den Schriftsteller bislang eher unerwähnt geblieben. Im Vordergrund steht die Liste der Eigenschaften, die Grass selbst benennt: verbissen, rechthaberisch, mit erhobenem Zeigefinger. Auch das Land Schleswig-Holstein fremdelt bisweilen mit seinem Groß-Literaten, dem weder die Ehrenbürgerwürde angetragen wurde noch sonst größere öffentliche Liebesbekundungen zuteil wurden.

Ganz im Gegenteil: Sein spätes Bekenntnis, der Waffen-SS angehört zu haben, brachte ihm den Ruf eines Heuchlers ein, der eine schonungslose Diskussion über die NS-Zeit fordert, gleichzeitig aber seine eigene Vergangenheit in der Waffen-SS verschweigt. Sein israelkritisches Gedicht „Was gesagt werden muss“ aus dem Jahr 2012 verstärkte das Bild des altersstarrsinnigen Poeten in der Öffentlichkeit noch zusätzlich.

Jörg Philipp Thomsa kennt diese Einschätzungen und er versucht gar nicht erst, sie zu relativieren. Der Leiter des Lübecker Grass-Hauses weiß viel über die Biografie des Multikünstlers Grass, er kennt die Zusammenhänge und auch die Widersprüche. „Bei einer Biografie wie der von Günter Grass gibt es so viele Brüche, dass man nie ein rundes, sich selbsterklärendes Gesamtbild erhalten wird.“

Viele Facetten aus dem Leben des Nobelpreisträgers werden in dem Lübecker Museum abgebildet, das Werk in Wort und Bild, die Skandale, das politische Engagement – einiges aber steht noch aus. Seit der Neueröffnung des Hauses im Jahr 2012 können die Besucher selbst entscheiden, welcher Teil der Ausstellung als nächstes erforscht und dann gezeigt wird. Am sogenannten Kuratorentisch können die Besucher ihre Stimme für das Thema ihrer Wahl abgegeben. Jedes Jahr im Oktober – an Grass’ Geburtstag – wird der neue Bereich der Ausstellung dann eröffnet. Dieses Mal heißt das Thema: „Grass als Soldat“ und das verspricht spannend zu werden. Schließlich wird damit auch die SS-Zeit des Autors noch einmal genauer betrachtet, oder besser gesagt: Dieser lange verborgene dunkle Fleck in der Biografie in einen größeren Zusammenhang gesetzt. Denn eines ist bei der öffentlichen Filetierung der Grass’schen Kriegserlebnisse untergegangen. Er war zwar ein junger Kerl, der sich von einer kruden Ideologie verführen ließ, und noch ein halbes Kind, als er sich freiwillig zum Dienst in der Marine meldete. Zur SS aber wurde er später eingezogen und was er erlebte in diesen Frühlingstagen des Jahres 1945, das hat er in „Beim Häuten der Zwiebel“ beschrieben:

„Knospende Bäume, Birken darunter. Die Sonne wärmt. Vogelgezwitscher. Schläfriges Abwarten. Jemand, nicht älter als ich, spielt Mundharmonika. Ein Landser schlägt Schaum, rasiert sich. Und dann, urplötzlich – oder war das Verstummen der Vögel vorwarnend laut genug? –, kommt die Stalinorgel über uns. (…)

Mich sehe ich, wie gelernt, unter einen der Jagdpanther robben. Und noch jemand, vielleicht der Fahrer, Richtschütze oder Kommandant des Jagdpanthers, mißt unter der Wanne des Panzers die Bodenfreiheit aus. Unsere Stiefel berühren sich. Links rechts decken uns Kettenräder ab. Drei Minuten, eine Ewigkeit lang mag die Orgel spielen. Von Angst besetzt, pisse ich mir in die Hose. Dann Stille. Neben mir Zähneklappern, vielstrophig. (…).

Noch wacklig auf den Beinen, war ich einem Bildersturm ausgesetzt. Rings der Jungwald zerfetzt, die Birken wie übers Knie gebrochen. Baumgipfel hatten einen Teil der Wurfgranaten vorschnell zur Explosion gebracht. Verstreut lagen Körper, vereinzelt und übereinander, tot, noch lebend, gekrümmt, von Ästen gespießt, durchsiebt von Granatsplittern. Manche Körper hatten sich akrobatisch verknotet. Auch wären Körperteile zu finden gewesen. War das der Junge, der vorhin noch gekonnt mit der Mundharmonika?“

Diese Erlebnisse hat Grass Jahrzehnte später notiert und natürlich darf bezweifelt werden, ob sich alles genau so abgespielt hat, wie der Autor es beschreibt. Aber zumindest eines wird deutlich: „Beim Häuten der Zwiebel“ ist viel mehr als der Beleg für die Vergesslichkeit des Autors im Bezug auf die SS-Mitgliedschaft, sondern ein Tagebuch der traumatischen Erinnerungen. „Damit schreibt er auch stellvertretend für eine ganze Generation“, sagt Thomsa, der viele Gespräche mit Grass über das Thema geführt hat und alle genannten Fakten anhand von Quellen, Karten, Aufzeichnungen und Augenzeugenberichten überprüft. Die Erinnerung, das ist seit dem SS-Geständnis klar, muss immer hinterfragt werden. Auch wenn sich nicht alles überprüfen lässt: „Günter Grass sagt, dass er damals keinen Schuss abgegeben hat“, berichtet Thomsa. Es gibt Dinge, die muss man ihm glauben.

Und es gibt Fakten wie die Verletzung im April 1945 durch Splitter einer russischen Granate, die Kriegsgefangenschaft, die Jahrzehnte lange Beschäftigung mit seinem Lebensthema Nationalsozialismus in der Literatur wie auch im politischen Engagement, die späte Auseinandersetzung mit Teilen der eigenen Biografie. All das wird Thema des neuen Ausstellungsmoduls sein, das am 18. Oktober eröffnet wird. Dann wird ein weiterer Grass vorgestellt – der Soldat.

Und vielleicht wird diese Schau auch helfen, einen neuen Blick auf sein biografisches Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ zu etablieren, das Thomsa für eines seiner besten hält. „In der öffentlichen Wahrnehmung spielten vor allem die anderthalb Seiten eine Rolle, auf denen ich schildere, wie ich als Siebzehnjähriger zur Waffen-SS einberufen wurde“, bemängelt Grass im „Zeit“-Interview. Da würde ihm wohl ausnahmsweise mal niemand widersprechen.

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