Der Gruppe Spur auf der Spur

Raumdominierend:  Das fünf Meter breite Gemälde 'Nur Kampf stärkt mich' (1962) von Heimrad Prem. Foto: Rönnau
Raumdominierend: Das fünf Meter breite Gemälde "Nur Kampf stärkt mich" (1962) von Heimrad Prem. Foto: Rönnau

Die Kunsthalle Kiel zeigt Arbeiten der avantgardistischen Münchner Künstlergruppe

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25. Mai 2013, 03:59 Uhr

Kiel | Mit einer üppigen Ausstellung begibt sich die Kieler Kunsthalle jetzt auf die Spuren der Gruppe Spur - einer der umstrittensten Künstlergruppen der Nachkriegszeit, die für buntfarbige Bilder und skandalträchtige Publikationen sorgten.

Am Anfang war das Manifest - darum empfängt den Besucher der Schau ein rosafarbener Stapel, von dem sich jeder eine Seite abreißen darf. In diesem ersten Programm der Gruppe heißt es 1958: "Europa steht vor einer großen Revolution, vor einem einzigartigen kulturellen Putsch." Und: "Wir sind gegen das folgerichtige Denken, dass zur kulturellen Verödung geführt hat ... Wir sind die dritte Welle." Schon 1952 hatten sich vier junge Kunststudenten in München zusammen gefunden: Die Maler Heimrad Prem (1934-1978), Helmut Sturm (1932-2008), HP Zimmer (1936-1992) und der Bildhauer Lothar Fischer (1933-2004). "Spur" nannten sie sich seit 1958 nach einer Urinspur im Schnee - was ihren kritischen Umgang mit überkommenen kulturellen Werten einer Zeit unterstreicht, die geprägt war von konsumorientierter Kaschierung der Wunden eines verbrecherischen Krieges, von Doppelmoral und Schweigen.

Und so nimmt es kaum Wunder, wenn etwa Heimrad Prem 1962 sein fünf Meter breites Gemälde mit kämpfenden bunten Figuren an Picassos "Guernica"-Aufschrei orientiert und es sarkastisch betitelt mit "Nur Kampf stärkt mich". Um jenes raumdominierende Bild sind expressiv-gestische Gemälde seiner Kollegen versammelt, vor allem aber das große "Piratenschiff", von Fischer als Plastik geschaffen und von Prem leuchtfarbig bemalt.

Auch dieses Schiff hat fremde Wurzeln: Es sind die rituellen Totenschiffe der malanggan-Kultur, jener Südsee-Stämme, die schon Künstler wie Paul Gauguin und Emil Nolde faszinierten. Die Kieler Ausstellung zeigt daher nicht nur die Werke der Gruppe Spur, sondern auch deren Vorbilder - neben Nolde etwa Max Beckmann, Max Ernst, Paul Klee oder Jackson Pollock, dazu mallangan-Ritualobjekte aus Papua-Neuginea.

Über allem schwebt auf der offenen Galerie im Zwischengeschoss der Kunsthalle das 20 Meter breite "Canal Grande Crescente", das die vier 1963 als Raumgestaltung für den Palazzo Grassi in Venedig malten. Filme und originale Postkarten liefern ebenso historische Hintergründe, wie die komplette Ausbreitung der Gruppenzeitschrift, die 1961 wegen des Vorwurfs der Blasphemie und der Pornografie teilweise indiziert wurde und jahrelange Prozesse folgen ließ. Die gezielten Provokationen der Spur wirkten, ließen Vernetzungen und Diskurse folgen, etwa mit der "Situationistischen Internationalen" und deren führendem Kopf Asger Jorn. Es war der künstlerische Aufbruch, dem Ende der 60er Jahre ein politischer folgte und der bis heute seine Spuren nach sich zieht. Daher ist der dritte Teil der Schau den Wirkungen von Spur gewidmet, zeigt Künstler wie Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Daniel Richter und Jonathan Meese bis hin zu dem aus Ostdeutschland stammenden Carsten Fock, der sich farbflächig bunt mit dem Deutschen Herbst und der RAF auseinandersetzt. Kiel, Kunsthalle. Bis 8. September. Di-So 10-18, Mi 10-20 Uhr. Katalog 38 Euro.

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