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Kunst : Daumenkino und Multimedia im mittelalterlichen Maler-Atelier

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Viele Maler sind Egozentriker - zumindest heute. Im Mittelalter war das wohl anders. Damals traten die Meister so bescheiden auf, dass sie ihre Werke nicht mal signierten. Persönliche Briefe? Texte über ihr Kunstverständnis? Fehlanzeige! Die Maler bleiben stumm.

shz.de von
erstellt am 19.Sep.2013 | 09:27 Uhr

Wenn man es aber richtig anfängt, kann man ihre Bilder sprechen lassen und so doch einiges über ihre Arbeitsweise erfahren. Das zeigt jetzt eine Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum.

In dreijähriger Forschungsarbeit haben die Kölner Forscher mehr als 30 Bilder untersucht. Dabei überraschte sie zum Beispiel, wie sauber die 600 Jahre alten Werke waren. Selbst mit dem Mikroskop war kein Staubkorn zu finden. Und das ist nun wirklich erstaunlich, denn die Straßen waren damals nicht gepflastert. Die Frage, wer den Müll hinausbringt, stellte sich schon deshalb nicht, weil man den Müll einfach aus dem Fenster warf.

Viele Künstler verwendeten Blattgold, das sich beim geringsten Luftzug in alle Winde zerstreut. Das muss ein ziemliches Problem gewesen sein, denn nur die Reichsten konnten es sich leisten, ihre Fenster zu verglasen.

Die Maler konnten winzig klein arbeiten. Wie machten sie das? In der Ausstellung ist eine Lesebrille zu sehen, die man auch als Vergrößerungsglas hätte nutzen können. Die Brille blieb erhalten, weil sie seinem Besitzer in eine Ritze fiel.

Die prestigeträchtigsten Aufträge waren damals Triptychons, aus drei Teilen bestehende Klapp-Altäre, die man schließen konnte wie die Deckel der Augsburger Puppenkiste. Diesen Effekt nutzten die Maler, indem sie im Inneren Motive, Gesten oder Figuren von den Außenklappen wieder aufnahmen. «Das ist fast wie Daumenkino», sagt der Kunsthistoriker Roland Krischel.

Die heute von Christo praktizierte Verhüllung war den damaligen Künstlern auch schon vertraut. Ihre Klapp-Altäre waren in den Kirchen immer nur für gewisse Zeit geöffnet, dann wurden sie wieder zugeklappt. Altar-Bilder blieben monatelang hinter Vorhängen versteckt, ehe sie dann in einer großen Zeremonie wieder enthüllt wurden. Es gab sogar schon «Multimedia-Altäre»: Auf manchen Bildern ließen die Maler Lücken frei, vor die Kerzen oder Kreuze gestellt wurden, so dass diese mit den Bildern eine Einheit formten.

Im Atelier gingen die Maler kostenbewusst vor, so verwendeten sie für manche Profilgesichter Schablonen. Sie verstanden sich als Allround-Dienstleister, die einen möglichst großen Kundenkreis abdecken wollten: Für das Bemalen von Truhen, Schildern und Hauswänden war sich auch der berühmte Stefan Lochner (ca. 1400/10-1451) nicht zu schade. Manchmal arbeiteten in einer Werkstatt mehrere Künstler zugleich an einem Bild - vielleicht, weil es so schneller fertig wurde. Nur beim Arbeitsschutz hinkten die Meister noch etwas hinterher: Einige ihrer Farben waren hochgiftig.

Das vielleicht faszinierendste Stück der Ausstellung ist kein Bild, sondern einer von ganz wenigen erhaltenen Pinseln. Er wurde unter dem Holzboden eines Klosters entdeckt. An den Borsten klebt noch zinnoberrote Farbe. Da ist man den fernen Malern dann ganz nah.

Geheimnisse der Maler

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