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«Jürgen» : Das Liebespech eines optimistischen Losers

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Jürgen Dose führt ein nicht gerade beneidenswertes Leben. Doch mit viel Optimismus versucht er stets, das Beste daraus zu machen. Mit Humor beschreibt der Hamburger Autor Heinz Strunk in seinem Roman «Jürgen» die verzweifelte Suche eines Mannes nach Glück.

Jürgen Dose ist Meister der Selbstmotivation - oder des Selbstbetrugs. Der Mann mittleren Alters lässt sich nicht unterkriegen. Nicht von der ewig nörgelnden bettlägerigen Mutter, nicht von deren schlechtgelaunten Pflegerin, nicht vom unzufriedenen und ziemlich vulgären Freund Bernd und schon gar nicht von seinem stressigen Job als Pförtner in einem großen Parkhaus.

Jürgen hat sich eingerichtet in seinem Leben, das er selbst wohl nie als trostlos bezeichnen würde. Denn er ist ein ewiger Optimist. Zumindest betont er das stets im neuen Roman von Heinz Strunk. Und der heißt demnach auch «Jürgen».

Nicht nur der Autor (Musiker und Schauspieler), sondern ebenso sein Geschöpf ist ein Hamburger. Ein Harburger, um genau zu sein. Doch scheint das Großstadtflair nicht bis in die kleine Welt des Anti-Helden zu dringen, der auch ein Alter Ego des Verfassers ist. Hier geht es eng zu und ziemlich grau. Auch die rosarote Brille, mit der Jürgen gern sein Leben betrachtet, kann ihn nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihm etwas Entscheidendes fehlt - nämlich eine Frau.

Da geht es ihm nicht besser als seinem an den Rollstuhl gefesselten Freund. Bernd, ziemlich übergewichtig und mit schlechter Haut gestraft, aber in seinem Glauben an seinen auf Frauen wirkenden Charme unerschütterlich, überredet Jürgen zu in dessen Augen idiotischen Aktionen, um eine Frau kennenzulernen. Jürgen, nach einem desaströsen Treffen mit einer Internet-Bekanntschaft, lässt sich schließlich auf ein Speed-Dating ein. Wie das (für beide) endet, liegt auf der Hand. Doch der nächste Coup - davon ist zumindest Bernd überzeugt - wird erfolgreich sein.

Ein Unternehmen mit dem verheißungsvollen Namen «Eurolove» lädt liebeshungrige Kerle wie Jürgen und Bernd auf eine Tour nach Polen ein, wo sie ihre Traumfrau treffen sollen, die sie sich vorher aus einem Katalog ausgesucht haben. Klar, dass die Reise voller Hindernisse, größerer und kleinerer Katastrophen sowie sehr kostspielig sein wird, für den Leser allerdings ab hier erst mal ein wenig spannend. Denn bis dahin plätscherte das Geschehen so vor sich hin - ähnlich ereignislos wie Jürgens Leben. Das wäre kein Problem, weil realitätsnah.

Aber zwischen durchaus witzigen und unterhaltsamen Passagen sorgen ellenlange Ratgeber-Tipps für Langeweile. Denn Jürgen ist ein Freak, der sich mit Mutters abgedroschenen Lebensweisheiten und ebensolchen Ratschlägen aus literarischen Wegweisern den Optimismus bewahrt und konsequent den Schattenseiten seines Lebens ausweichen will. Also nervt Jürgen sich, Bernd und den Leser mit hergebeteten Einschätzungen aller Situationen, ganz besonders in Bezug auf den Umgang mit dem weiblichen Geschlecht.

Auch wenn klar ist, dass Strunk - bekannt durch solche herausragenden Romane wie «Der goldene Handschuh» (2016) - mit diesem Stilmittel ironische Pointen setzen und damit die Unsicherheit seines optimistischen Losers noch mehr in Szene setzen will: Es ist zu viel von allem und ermüdet. Genauso, wie das endlose Pech (alles geht schief) so dick aufgetragen ist, dass es die Aussage eher konterkariert. Und so plätschert «Jürgen» auf der Suche nach dem (kleinen) Glück eher in seichten Gewässern und droht Gefahr, in den Untiefen der Unterhaltung zu stranden.

Mal davon abgesehen, dass Heinz Strunk (Jahrgang 1962) in diesem Buch teilweise Passagen aus früheren Werken verwendete, hat er wieder einmal einiges von sich in seinem neuen Buch preisgegeben. Im Übrigen ist der mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnete Autor ebenso wie sein Held unverheiratet. Dass er sich selbst mit «Jürgen» auf die Schippe nimmt, ist sympathisch. Auch, dass er mit seinem jüngsten Werk dem «kleinen Mann» ein Stück Literatur widmet. Der große Wurf ist ihm damit allerdings nicht gelungen - leider.

- Heinz Strunk: Jürgen, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 256 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-4980-3574-7.

Jürgen

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erstellt am 06.Jun.2017 | 14:16 Uhr

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