Das Klagenfurter Grauen

Schriftstellerin Nikola Anne Mehlhorn über Ingeborg-Bachmann-Preiswettbewerb

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10. Juli 2013, 03:59 Uhr

Elmshorn | 3. Juli. Erster Eindruck, als ich mich Klagenfurt nähere: Kleinheit. Die Propellermaschine, die über zwergenhafte Seen und Berge schwebt. Klein die Stadt, das Hotel und ORF-Studio. Lediglich das Medium Fernsehen verleiht eine künstliche Größe.

Die abendliche Eröffnungsveranstaltung beeindruckt durch literarische Prominenz: Rezensenten, Verleger, Literaturagenten. Networking auf höchstem Niveau und kleinstem Raum. Der Schriftsteller Michael Köhlmeier spricht in seiner "Klagenfurter Rede zur Literatur" über Demütigungen teilnehmender Autoren in der Vergangenheit, explizit den Schriftsteller Jörg Fauser. Diese Worte sollten mich am 6. Juli retten.

4. Juli. Die Lesungen um den Ingeborg-Bachmann-Preis beginnen. Das Fernsehstudio brechend voll, Besucher stehend oder auf Treppen sitzend. Die komplette Stadt Klagenfurt ausgerichtet auf den Wettbewerb: Banner, Plakate, beschriftete Liegestühle laden zum literarischen "Event" ein. Allerorts auch Statements zum drohenden Ende des Bachmann-Preises. Der ORF, der die Finanzierung des "Bewerbs" einstellen möchte, wird in schriftlich-mündlich-musikalischer Form attackiert. Beim Lendhafen (einem szenigen Veranstaltungsort am Kanal) Public Viewing und haushohe Stellwände mit Argumenten "Bachmann bleibt!".

Abends festlicher Höhepunkt: Bürgermeister-Empfang im Schloss Loretto. Ein pompöses Gebäude, hellgelb über dem Wörthersee thronend. Buffets, göttlicher Sonnenuntergangspanoramablick. Rund zweihundert Gäste aus Politik, Kultur und Medien. Wir nominierten Schriftsteller sind zu einer Gruppe aus 14 Einzelgängern geworden, die sich mental stärken und Abgrenzung dem ringsum brodelnden Literaturbetrieb gegenüber suchen.

5. Juli. Ungewöhnlich, bereits vor der Hinrichtung Kontakt zu seinen Henkern zu haben: Die Juroren im OFF nett aber unverbindlich. Sobald die Kameras laufen: ON - Zack - Kopf ab. Interessant, die unterschiedlichen Reaktionen der Geschlechter: Wandern die verrissenen Autorinnen verheult und alkoholisiert herum, lassen sich die männlichen Abgeurteilten nichts anmerken, verfolgen stoisch und still den Ausgang des Wettbewerbs.

6. Juli. Meine Lesung verlief fehlerfrei. Danach folgte ein klarer Verriss: Die Juroren sezierten nicht, sondern servierten meinen Text im Turbotempo ab. Ich muss in Schockstarre verfallen sein, denn die nächste Erinnerung habe ich an mein Hotelzimmer. Ruhe, Unfassbares fassen. Die Rede Michael Köhlmeiers. Mit Kritik hatte ich gerechnet - nicht aber mit einer literarischen Hinrichtung! Eine quasi schlaflose Nacht, die Ereignisse des Tages in Endlosschleife: Wie weiterleben nach diesem Desaster, wie weiterschreiben?

7. Juli. Diese Fragen beantworten sich schnell: Eine Welle der Solidarität brandet auf; per Mail, SMS, mündlich erreichen mich positive Reaktionen vieler Menschen. Danke!

Beim Flughafen wächst ein unbändiges Glück darüber, diesen Ort verlassen zu können. Ich werde den Gedanken nicht los, dass Klagenfurt ethymologisch von "Klagen" kommt.

Tröstlich, dass die meisten der hier abgeurteilten Schriftsteller literarisch überlebt haben: Peter Wawerzinek beispielsweise holte neunzehn Jahre nach seiner ersten Teilnahme bei den "Tagen der deutschsprachigen Literatur" den Ingeborg-Bachmann-Preis 2010.

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