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Ein Dickicht der Figuren : Das kantige Märchen des Roland Schimmelpfennig

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Das Debüt kreiste im frostigen Berliner Winter um den Wolf. In seinem Nachfolge-Roman «Die Sprache des Regens» lässt Roland Schimmelpfennig die ganze Natur zu Wort kommen. Es ist ein unterkühltes Dickicht.

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erstellt am 10.Okt.2017 | 12:15 Uhr

Es herrscht in dieser Stadt ein an sich verbotener Brauch: Jeder Junge springt in der Nacht vor seinem fünfzehnten Geburtstag von der Brücke in den Fluss und lässt sich in der Dunkelheit von der langsamen Strömung abwärts treiben. Danach ist er kein Kind mehr.

So auch Petja, der Sohn von Polizist Ramiel. Dieser erklärte einst diese Gepflogenheit für illegal, obwohl er selbst als Jugendlicher auf dieselbe Weise erwachsen geworden war. Und dann gibt es noch Maria, das einzige Mädchen, das je sprang. Damals vor vielen Jahren. Zusammen mit Ramiel, ihrem Schulfreund. Und als er sie jetzt, beide Ende 40, festnimmt und aufs Revier bringt, ahnt man, dass sie etwas verbindet. Im Verborgenen.

Seinen zweiten Roman «Die Sprache des Regens» legt Roland Schimmelpfennig als ein mythologisch-märchenhaftes Flickwerk an. Da sind der abgehalfterte Frankie Weiss, den man früher «den schönsten Mann der Welt» nannte, der aber nun das Schicksal des Alters kaum erträgt. Oder die Frau aus der Verwaltung, «keine einundzwanzig Jahre», deren einziger Ausweg es war, sich im Büro aufzuhängen.

Alle Figuren - es sind unzählige - sind auf ihre eigene Art miteinander verbunden. Toni, der zwar «zu schwer für seine Größe» ist, aber Zement mischen und gießen kann. Isabel und ihr Freund Philipp, die bei ihren Eltern zu Besuch sind. Der schon lange kranke Mario. Ramiel und die beiden Frauen, mit denen er jeweils einen Sohn hat, Petja und den fünfjährigen Elias, der mit dem hohen Fieber. Und dann noch die anderen: jeder mit jedem bekannt, verwandt oder aus einer längst vergessenen Vergangenheit.

Einige Personen lässt Schimmelpfennig aus dem dichten Dickicht an Charakteren herausschauen, andere muss er immer wieder einführen, weil sie beim Lesen bisweilen aus den Augen verschwinden. «Diese Frau hieß Julia. Julia war Ramiels erste Frau, die Mutter von Petja, des Jungen, der in der Nacht vor seinem fünfzehnten Geburtstag im Fluss verschwunden war.»

Schimmelpfennigs Protagonisten bleiben gesichtslos. Er zeichnet keine charakteristische Kontur, er gibt ihnen bloße Namen. Allerweltsnamen allerdings (wenn man von Petja einmal absieht). Anonym bleibt auch die Stadt. Und so sehr der Autor auch den Anschein erweckt, sie hätte typische Quartiere und Stadtteile, so sehr verschwimmt ihr Grundriss doch im Grau-in-Grau.

Während er in seinem hochgelobten Prosa-Debüt «An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts» seine kalte Melancholie an den Wolf, das Fabeltier, bindet und die anfangs losen Erzählstränge im Laufe des Romans immer weiter zusammenzurrt, wirft der Autor in seinem Zweitling diesmal das grobmaschige Knüpfwerk sofort über der Handlung aus. Wer zu wem welche Verbindung hat, wird sofort in seiner Gänze offengelegt. Das kann die Lektüre durchaus zu einem schwierigen Unterfangen machen.

Mehr als die Handlung (diese kurz zusammenzufassen ist schier unmöglich) muss man Schimmelpfennigs Prosa loben. Klare, kantige Sätze zerschneiden den Text. Alles fließt in einem gewissen «Es war einmal...»-Rhythmus. Worte im Bauhaus-Stil. In «Die Sprache des Regens» wird im Vergleich zum Vorgänger die Temperatur noch ein ganzes Stück weiter heruntergedreht.

Doch gibt es da noch die Geschichte des liebenden Königs Vadim von Reval und Riga, die immer wieder eingeschoben ist. In ihr lässt Schimmelpfennig Poesie zu. Vadim vernimmt auf dem Weg zu seiner Angebeteten die Sprache der Natur. «In der Kälte steht alles still, aber die Ameisen, die im klirrenden Frost des Winters zu Reglosigkeit erstarren, jedoch nicht sterben, erzählen einander vom Frühling, der eines Tages kommen werde, sie erzählen einander vom Mond und von der Sommersonne.» Ja, dabei hört Vadim auch sie: die Sprache des Regens.

Verlag über «Die Sprache des Regens»

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