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Rendsburg : Das Buch – ein Mängelexemplar?

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Kongress des Landeskulturverbandes blickt in die Zukunft: Experten diskutieren das Verhältnis von e-Book und Druckerzeugnis. Und sind ganz hoffnungsvoll.

„Die Zukunft des Buches ist schon da – wir wissen es nur noch nicht.“ Eine gewagte Aussage in einer Zeit, in der die Buchhändler vor Ort über den großen Internet-Rivalen stöhnen, in der Stichworte wie Selfpublishing den Verlegern Schweißperlen auf die Stirn treiben und in der das e-Book der gedruckten Papier-Version Konkurrenz macht. Olaf Irlenkäuser, Geschäftsführer des Wachholtz-Verlages in Kiel, von dem obige Aussage stammt, begründet, warum er positiv gestimmt ist: „Wir glauben an die Qualität unserer Inhalte.“

Egal, ob sie es lesen, verkaufen, verleihen, produzieren oder schreiben – die Frage, wie es um die Zukunft des Buches bestellt ist, beschäftigte die Teilnehmer des Kultur-Kongresses, zu dem der Landeskulturverband Schleswig-Holstein in das Rendsburger Nordkolleg eingeladen hatte.

Wer an dieser Stelle des Textes angelangt ist, hat manchem Zeitgenossen etwas voraus: Er liest. Das ist der Zweck eines Buches – es soll gelesen werden, nicht als Staubfänger dienen. Die Schleswiger Autoren Peter Baumann und Franz Kratochwil sprechen von einer „sinnlichen Begegnung“, wenn man ein gedrucktes Werk in den Händen hält. Die lässt das elektronische Medium vermissen. Aber: „Wenn das e-Book die Jungen zum Lesen bringt, dann soll es uns recht sein“.

Lese-Gewohnheiten verändern sich: Kürzere Intervalle, mehr Bilder, mehr zusätzliche Informationen sind gefragt. Doch: „Literarische Texte rufen im Kopf des Lesers Geschichten hervor – nicht das Medium, sondern die Art des Textes ist dafür verantwortlich“, stellt der Publizist und Autor Peter Mathews fest. Er ist am Öko-Institut in Freiburg an einem Forschungsprojekt zum papierlosen Lesen und Publizieren beteiligt. „Es ist schöpferische Zerstörung notwendig, um etwas Neues zu schaffen“, erklärt er frei nach dem Sozialökonomen Joseph Schumpeter. Etwas Neues hat der große, vielfach verteufelte Internetbuchhändler geschaffen. „Ein Verlag weiß nicht, wer seine Bücher liest. Aber Amazon weiß es.“ Die Verlage müssten ihre Kunden besser kennenlernen.

5,6 Prozent des Umsatzes im deutschen Buchhandel werden mit e-Büchern gemacht. Diese Entwicklung geht zu Lasten des Taschenbuches, stellen die Experten fest. Was auf dem Buchmarkt boomt sind Krimis – und Kochbücher. Allerdings: „Man holt sich damit lediglich ein Image ins Haus“, sagt Irlenkäuser. „Niemand kocht danach.“ Und was das e-Book anbelangt, so stellt Eric W. Steinhauer deutlich fest, was viele schon immer ahnten, aber nicht auszusprechen wagten: „Ein e-Book ist kein Buch!“

Der Jurist und Bibliothekar ist bundesweit als Experte in Rechtsfragen zum Thema Urheberrecht anerkannt. „Das Buch ist eine Sache, der Eigentümer kann darüber bestimmen“, so Steinhauer. Beim e-Book erwerbe der Leser lediglich ein Nutzungsrecht – ähnlich wie bei einem Kinobesuch. Das gedruckte Buch kann man verleihen, verschenken, vererben – was beim e-Book nicht möglich ist. Noch etwas bereitet Schwierigkeiten: die Langzeitarchivierung. Das ist unter anderem die Aufgabe der öffentliche Bibliotheken. In Schleswig-Holstein soll ihre Stellung als Bildungseinrichtung und Kulturträger durch ein neues Bibliothekengesetz gestärkt werden, erläutert Ministerin Anke Spoorendonk. Allerdings: Ohne besondere Erlaubnis dürfen die Gedächtnisinstitute frei verfügbare (Web-)Inhalte nicht sammeln, so der Jurist Steinhauer. Eine umfangreiche und komplizierte Thematik.

„Eine Transformation von der altehrwürdigen Bildungsstätte zum multimedialen Nutzungsort“ sei nötig, betont Spoorendonk. Sie kann sich Büchereien als Wohnzimmer der Gemeinde vorstellen. Anders Cato vom dänischen Kulturministerium stellte das Prinzip der offenen Bibliotheken aus dem Nachbarstaat vor. Diese sind nur zeitweise mit Fachpersonal besetzt, in der anderen Zeit kann sich das Publikum zum Beispiel mit seiner Krankenversicherungskarte einloggen.

Neue Wege werden allerorten beschritten. Wie bei den „Bücherpiraten“, einem Lübecker Projekt, das Kinder und Jugendliche für das Lesen und Schreiben begeistern will. Wie es um das Buch in 50 Jahren bestellt sein wird, mochte auf dem Kongress niemand prognostizieren. Aber dass die Lust an Geschichten nicht nur bei den „Bücherpiraten“ ungebrochen ist – das lässt hoffen.







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erstellt am 10.Nov.2015 | 12:36 Uhr

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