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Peter Grisebach im Interview : „Dann wachsen uns Flügel“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Peter Grisebach, Intendant des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters, spricht im Interview über die neue Spielzeit

Herr Grisebach, Sie haben die vergangene Spielzeit kürzlich als die kritischste Saison des Landestheaters bezeichnet. Wieso?
Kritisch war es dadurch, dass wir bisher in keiner Spielzeit so nahe an der Abbruchkante gearbeitet haben. Als ich 2010 anfing, standen wir wirtschaftlich am Abgrund. Aber das konnte ich relativ zügig ändern. Als mir am Ende der ersten Saison in Schleswig das Theater geschlossen wurde, waren wir in einer völlig neuen Situation. Niemand wusste, was passieren würde. Schleswig als Hauptgesellschafter, als Produktionsstandort für die Hälfte unserer Schauspielpremieren, brach plötzlich weg. Dadurch verloren wir Zuschauer, und damit natürlich auch Einnahmen. Der Überlebenskampf ging los.

Zu dem Zeitpunkt war noch nicht abzusehen, ob es ein neues Theater in Schleswig geben würde.
So ist es. Es war relativ schnell klar, dass es keine Revitalisierung des alten Theaters geben würde, weil das unwirtschaftlich ist. Also der Neubau. Und ich meine das ist, ohne pathetisch werden zu wollen, eine Jahrhundertentscheidung. Und wenn man weiß, mit welchem Tempo in Schleswig-Holstein Jahrhundertentscheidungen getroffen werden, habe ich eigentlich schon das Problem geschildert. Denn Zeit haben wir nicht.

Sie haben die kritische Saison überstanden. Wird die neue Spielzeit leichter?
Nein! Das wollen wir auch gar nicht. Wir wollen es uns nicht leicht machen. Wir haben jetzt das nächste Stichdatum vor uns. Das ist der 4. November. Dann tagt die Schleswiger Ratsversammlung zum Beschluss ein Theater zu bauen. Davorgeschaltet ist die Prämisse, dass bis dahin die Finanzierung des Baus gesichert ist. Daran wird mit Hochdruck gearbeitet – vor dem Hintergrund, dass wir noch nicht wissen, wie viel Geld wir vom Land bekommen. Denn der neue Landeshaushalt wird möglicherweise gar nicht vor dem 4. November beschlossen.

Wie stehen die Chancen, dass es mit der Finanzierung klappt?
Unser Vorteil ist, dass unsere Lobby größer geworden ist.

Was meinen Sie damit?
Als wir wirtschaftlich vor der Zahlungsunfähigkeit standen, gab es viele Stimmen, die sagten: „Wenn wir es uns nicht mehr leisten können, müssen wir es abwickeln.“ Das Bewusstsein dafür, was Schleswig-Holstein verliert, wenn es das Landestheater nicht mehr gibt, war kaum vorhanden.

Mit Werbekampagnen haben Sie sich gegen diese Meinung gestemmt.
Das war tägliche Arbeit, den Menschen beizubringen, das man viel mehr verliert, als man einspart.

Kulturministerin Anke Spoorendonk (SSW) hat das begriffen.
Insofern war der Wechsel in der Landesregierung ein Segen. Denn vorher haben wir auf Granit gebissen.

Bei Amtsvorgänger Ekkehard Klug (FDP)?
Ja. Beziehungsweise bei der Landesregierung. Der damalige Ministerpräsident Carstensen (CDU) wollte von dem Thema nichts mehr wissen. Und er erinnerte sich auch nicht daran, dass er mal gesagt hat: „Ich lasse mein Landestheater nicht im Regen stehen.“ Wir standen aber im Platzregen!

Frau Spoorendonk hat Sie für Ihre Sparmaßnahmen gelobt. Haben Sie auch ein Lob für die Ministerin übrig?
Lob wäre zu wenig. Ich habe schon öffentliche Liebeserklärungen an Frau Spoorendonk abgegeben, weil sie sagt, was sie denkt – und kämpft für das, was sie will. Auch wenn sie der Theaterlandschaft in Schleswig-Holstein kein Rund-um-Sorglos-Paket bieten kann, setzt sie sich dennoch dafür ein, dass unsere Landeszuschüsse – derzeit 13,2 Millionen Euro – wieder dynamisiert werden. Seit 2009 ist der kommunale Topf eingefroren, aber die Tarife der Personalkosten steigen – da kann man ausrechnen, was wir ausgleichen mussten, durch Mehreinnahmen oder durch Einsparungen. Das wird sich nicht ändern, denn absehbar werden die Tarife nach 2014 steigen.

Sie sind guter Dinge, dass der Landtag das Landestheater unterstützt?
So wie ich die Gespräche werte, sieht es so aus, dass wir damit rechnen können.

Könnte man den Theaterbetrieb ohne die Dynamisierung der Fördermittel aufrecht erhalten?
Nein. Das haben wir ja in den letzten Jahren gesehen. Alle drei öffentlichen Theater in Schleswig-Holstein haben insgesamt 8,6 Millionen Euro durch das Einfrieren der Dynamisierung ausgleichen müssen. Aber irgendwann ist Schluss. Ohne Dynamisierung hätte das Landestheater keine Chance. So teuer können wir mit den Eintrittspreisen nicht werden, um das auszugleichen.

Die Eintrittspreise in der neuen Saison sind um fünf Prozent gestiegen. Ist das ein notwendiger Schritt?
Der ist 2009 beschlossen worden. Preissteigerung alle zwei Jahre um fünf Prozent, um überhaupt ein Äquivalent zur eingefrorenen Dynamisierung zu schaffen.

Immer wieder wird eine Neustrukturierung der öffentlichen Theater im Land angeregt. Auch die Ministerin wünscht sich Kooperationen, die es zwischen Kiel und Lübeck bereits gibt. Möchten Sie das Landestheater lieber in seiner aktuellen Struktur erhalten?
Ja. Wir sind bereits das Produkt einer Kooperation. Drei Städte konnten sich ihr Stadttheater nicht mehr leisten – Flensburg, Rendsburg und Schleswig. Und dann haben sie sich zusammengeschlossen zu einem in Deutschland einmaligen Konstrukt – der größten Landesbühne Deutschlands.

Was spricht dagegen, diese Kooperation auszuweiten und mit Kiel und Lübeck zusammenzuarbeiten?
Die Kapazität. Wir spielen über 700 Vorstellungen. Damit ist unser Fuhrpark und unser Personal ausgelastet. Wir sind an der Grenze. Mehr Kooperation würde alles nur aufwendiger machen.

Sie stellen morgen in Flensburg und am Sonnabend in Rendsburg das Ensemble vor, geben Einblicke in die Probenarbeit. Ist es ein neues Konzept, offen für das Publikum zu sein?
Wir sind kein Elfenbeinturm, der sich geheimnisvoll öffnet, wenn sich der Vorhang hebt. Wir machen am Freitag zum Beispiel wieder unser „Auftakt“-Projekt, bei dem wir Raritäten aus dem Repertoire des Musiktheaters präsentieren. Das hat sich so gut entwickelt, dass wir nach kürzester Zeit ausverkauft waren. Zusätzlich haben wir im Schauspiel am
8. September in Schleswig einen Abend mit Schauspiel-Kostproben aus drei Stücken, um Appetit zu machen.

Klingt als wären Sie gut vorbereitet.
Ich bin sehr gut erholt. Das ist die Grundvoraussetzung. Das macht diese Zeit vor den ersten Premieren zur schönsten Zeit. Denn alle sind erholt. Anders ist das dann zu Weihnachten. Das ist die stressigste Zeit. Ab dann wird es schwer. Am Ende der Spielzeit gibt es Phasen, in denen sich Leute gar nicht mehr sehen mögen. Doch jetzt haben wir alle Kraft und Vorfreude. Insofern würde der 4. November einen unglaublichen Effekt geben.

...um die Weihnachtszeit gut zu überstehen?
Aber hallo! Dann wachsen uns Flügel. Der Erfolg, den wir haben, ist ja nicht mein Erfolg. Es ist der Erfolg meiner Mitarbeiter.

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erstellt am 29.Aug.2013 | 03:36 Uhr

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