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„Da fing das Leben wieder an“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hardy Krüger war als Kind Eliteschüler im NS-Staat, später gelangte er als Schauspieler zu Weltruhm – heute macht er sich gegen rechtes Gedankengut stark

Hardy Krüger kommt zu Fuß zum Treffpunkt in Hamburg, der Schauspieler und Autor wohnt ganz in der Nähe. Bevor er mit seiner Frau Anita nach Kalifornien fliegt, wo die beiden die Wintermonate verbringen, spricht Krüger über sein Buch „Was das Leben sich erlaubt. Mein Deutschland und ich“ (Hoffmann und Campe). Dieses Buch ist Krüger eine Herzensangelegenheit, er erzählt darin von seiner Jugend in der NS-Diktatur, während der er vom Hitler-Verehrer zum Gegner der NS-Ideologie wurde. Weil Krüger Sorge vor neuen rechten Tendenzen hat, besucht er seit Jahren Schulen und berichtet von seinen Erfahrungen.

Herr Krüger, haben Sie sich je gewünscht, in einer anderen Zeit geboren worden zu sein?
Nein, das nicht, aber in einem anderen Land. Als ich in England gelebt und gearbeitet habe, habe ich mir tatsächlich gedacht: Schade, dass du nicht in Cambridge aufgewachsen bist und dort zur Universität gehen konntest. Diesen Wunsch hatte ich.

Ob andere Zeit oder anderer Ort – Ihnen wären Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus erspart geblieben. Die Zeit, von der Sie heute Schülern berichten, um vor den Gefahren des Rechtsextremismus zu warnen.
Ja. Ich hatte nie den Wunsch eine Autobiografie zu schreiben, aber ich fand die Idee hinter dem Buch gut.

Sie beschreiben darin, wie Sie als junger Mensch durch Ihre Eltern zum begeisterten Hitler-Verehrer wurden und dann durch den bekannten Ufa-Schauspieler Hans Söhnker die Wahrheit über die Nazi-Diktatur erfuhren.
Und wie ich daraufhin ein Doppelleben führen musste, weil ich mir zu Hause und auf der Ordensburg Sonthofen, wo ich auf die Adolf-Hitler-Schule gegangen bin, nichts anmerken lassen durfte. Denn Hans Söhnker, der für mich zu einem zweiten Vater wurde, hatte mir die Augen dafür geöffnet, was für ein Verbrecher Hitler in Wirklichkeit war.

Wie hat er das gemacht?
Mir war immer eingetrichtert worden, dass die Juden unser Unglück seien – und dann hat Hans Söhnker mir zunächst diese wunderbaren und klugen Filme von jüdischen Regisseuren gezeigt. Ich glaube, er hat in mir schnell den Sohn gesehen, den er sich immer gewünscht hatte, und erkannt, dass ich die Wahrheit erfahren muss. Also erzählte er mir von Dachau und Bergen-Belsen. Ich war entsetzt, und ich wusste nicht, was ich tun sollte, denn ich konnte mit meinen Eltern nicht darüber reden. Irgendwann musste ich mich entscheiden, wem ich glauben sollte: Meinen Eltern mit der Hitlerbüste auf dem Klavier oder Söhnker. Ich habe, wie Sie sich denken können, nicht lange für diese Entscheidung gebraucht.

Hatten Sie jemals die Sorge, dass Ihr Buch zu persönlich werden könnte?
Nein, denn ich habe nur das geschrieben, was für die Intention des Buches wichtig war. Und es ging mir nicht darum, meine Eltern schlecht zu machen. Aber natürlich war ich enttäuscht darüber, dass mein Vater, der ein kluger Mensch gewesen ist, sich hat blenden lassen. Nur konnte ich nicht mit ihm darüber sprechen, weil ich mich ja selbst auf andere Art schuldig gemacht hatte, indem ich die verbotenen Filme jüdischer Regisseure gesehen hatte.

Hatten Sie ein schlechtes Gewissen gegenüber Ihrem Vater?
Ja. Und ich hatte mir vorgenommen, mit Vater zu reden, wenn der Krieg zu Ende ist. Ich wollte ihm die Wahrheit erzählen und ihn fragen, warum er sich so hatte blenden lassen. Er war ein liebenswerter Kerl, und ich möchte mir nicht vorstellen, dass er irgendetwas Schlimmes getan hat. Aber ich wollte mich vergewissern. Leider hat das Gespräch nie stattgefunden, denn mein Vater ist von den Sowjets verschleppt worden – wir haben ihn nie wieder gesehen.

Wie ist die Idee entstanden, Ihre Geschichte in den Schulen zu erzählen?
Schon früh nach dem Krieg hatte ich das Bedürfnis, den Menschen im Ausland davon zu berichten, dass wir ein anderes Deutschland geworden sind. Durch die Dreharbeiten war ich ja viel in England, Frankreich und den USA. Viele, viele Jahre später sagte mir Barbara Kisseler, die zuletzt Kultursenatorin in Hamburg war und leider vor kurzem verstorben ist, dass ich meine Geschichte öffentlich erzählen müsste. So ging es los, mit einer Pressekonferenz im Hamburger Rathaus. Regelmäßig in die Schulen gehe ich aber erst, als ich von einem Lehrer hörte, der mein Buch „Wanderjahre“ in seinem Geschichtsunterricht verwendete, weil die Nazizeit durch das Leben eines 15-Jährigen viel greifbarer werde als durch die Geschichtsbücher. Das war für mich eine Art Fingerzeig, zumal da bei mir die Sorge gewachsen war, dass Deutschland wieder einen Rechtsruck erleben könnte.

Die Sorgen dürften nicht weniger geworden sein, während Sie im vergangenen Jahr Ihr aktuelles Buch geschrieben haben.
Ja, meine Sorgen um Deutschland sind größer geworden. Der Erfolg der AfD treibt mich um. Die tun so, als wären sie eine politische Partei. Aber sie sind antidemokratisch, davon bin ich überzeugt. Deshalb muss ich auch weiter in die Schulen gehen.

Dazu kommen ja noch der Brexit und Donald Trump. Ihre Frau Anita stammt aus den USA, und Sie leben einen Teil des Jahres in der Nähe von Los Angeles. Wie bewerten Sie den Ausgang der US-Wahl?
Die Wahl Trumps hat Anita und mich geschockt. Er ist ein politisch unerfahrener Schaumschläger und gewaltiger Lügner, deshalb habe ich in den USA schon mehrfach gesagt: Der Trump ist mein Erzfeind. Jetzt beobachte ich mit großer Aufmerksamkeit jede Rede, jedes Gespräch dieses Mannes und hoffe, dass seine Berater ihn einfangen können. Aber das werden Anita und ich uns in den nächsten Monaten mal aus der Nähe anschauen. Dann kann ich Ihnen mehr sagen.

Während Ihres letzten Aufenthalts in den Kalifornien ist Ihr Buch entstanden. Was haben Sie sich für die nächsten Monate vorgenommen?
Einfach ein schönes Weihnachtsfest zu feiern und eine gute Zeit zu haben. Wissen Sie, eigentlich bin ich der glücklichste Mensch überhaupt, ich habe eine wunderbare Frau, das Leben ist ein Vergnügen. Aber beim Schreiben meines Buches habe ich zu meinem großen Entsetzen gemerkt: Es kommt alles wieder zu mir zurück, ich habe jede Nacht während dieser zehn Monate schlecht geträumt. Als ich das Buch dann abgeliefert hatte, habe ich mit meiner Frau eine Riesenpulle Champagner aufgemacht – denn da fing das Leben wieder an.

Ihre Erlebnisse wären auch ein guter Filmstoff.
Genau das sagen Peter Käfferlein und Olaf Köhne, mit denen ich mein Buch gemacht habe, auch. Und sie arbeiten schon daran.

Wird das ein Dokumentar- oder Spielfilm?
Beides ist möglich. Und mir wäre beides Recht, denn mit einem Film könnte ich noch mehr Menschen erreichen.













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erstellt am 22.Dez.2016 | 10:36 Uhr

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