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Literatur : Chronist der deutschen Teilung: Erich Loest ist tot

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Er gehörte mit Titeln wie «Völkerschlachtdenkmal», «Nikolaikirche» oder «Sommergewitter» zu den bedeutendsten Autoren Deutschlands: Mit 87 Jahren ist der Leipziger Autor Erich Loest gestorben.

Weggefährten und Politiker würdigten Loest am Freitag als unbestechlichen Chronisten der deutsch-deutschen Geschichte. Loest war am Donnerstagabend aus einem Fenster der Uniklinik Leipzig gestürzt. Die Polizei gehe von einem Suizid des 87-Jährigen aus, sagte ein Sprecher. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen zu den Umständen des Todes aufgenommen.

In seinen Romanen und Erzählungen setzte sich Loest immer wieder mit der deutschen Teilung und der Wiedervereinigung auseinander. Bis zuletzt meldete sich der streitbare 87-Jährige zu Wort. Erst vor einigen Tagen erschien seine Erzählung «Lieber hundertmal irren».

Bundespräsident Joachim Gauck erklärte: «Sein Tod erfüllt mich mit großem Schmerz. Wir Leserinnen und Leser in Deutschland verlieren in ihm nicht nur einen großen Erzähler und einen unbestechlichen Chronisten deutscher Geschichte. Wir verlieren einen Schriftsteller mit einer unbeugsamen Haltung: nämlich der Wahrheit und der Freiheit verpflichtet zu sein.» Loest habe die selten gewordenen Tugenden der Aufrichtigkeit und Verlässlichkeit verkörpert. «Erich Loest hat sich um Deutschland verdient gemacht.»

Auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann reagierte bestürzt auf die Nachricht vom Tod Loests. «Ich habe ihn als geradlinigen wie feinfühligen Schriftsteller kennen und schätzen gelernt», erklärte Neumann. «Als Chronist deutsch-deutscher Geschichte blieb er trotz Repressalien in der DDR unbestechlich und streitbar. Auch nach dem Mauerfall mischte er sich ein.» Loest sei ein politischer Mensch gewesen, der in der Bundesrepublik verehrt und respektiert worden sei.

Der Deutsche Kulturrat hob die politische Wachsamkeit des Schriftstellers hervor. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur würdigte ihn als langjährigen Weggefährten. «Erich Loest hat mit seinem Schaffen einen unschätzbaren Beitrag zur Aufarbeitung der SED-Diktatur geleistet. Temperamentvoll und engagiert hat er die DDR als die brutale Diktatur geschildert, die sie gewesen ist. Wer hätte das glaubhafter tun können als Erich Loest, der selbst viele Jahre in politischer Haft verbringen musste und die DDR erst verließ, als die Repressalien gegen ihn und sein Werk unerträglich wurden», erklärte Geschäftsführerin Anna Kaminsky.

Zu den genauen Umständen des Fenstersturzes wollten die Uniklinik und die Polizei am Freitag keine Angaben machen. Der medizinische Vorstand der Klinik, Prof. Wolfgang E. Fleig, erklärte: «Wir sind tief betroffen von diesem tragischen Ereignis. Trotz sofortigen Eingreifens konnten unsere Schwestern, Pfleger und Ärzte nicht mehr helfen. Es ist immer bitter, wenn ein Mensch für sich keinen anderen Ausweg sieht als diesen. Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen.»

Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen. Das ist bei nicht natürlichen Todesfällen Routine. Hinweise auf eine Straftat gebe es nicht, sagte Sprecher Ricardo Schulz. Deswegen solle der Tote auch nicht obduziert werden.

Loest wurde 1926 im sächsischen Mittweida geboren. Als freier Schriftsteller war er in der DDR großen Repressalien ausgesetzt, saß von 1957 bis 1964 im berüchtigten Stasi-Gefängnis in Bautzen. 1981 siedelte er in die Bundesrepublik über. Nach dem Fall der Mauer kehrte Loest schnell in seine Wahlheimat Leipzig zurück. Seit 1996 war er Ehrenbürger der Stadt.

Loest im Steidl-Verlag

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erstellt am 13.Sep.2013 | 07:27 Uhr

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