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Theaterfestival : Castorf in Avignon: Schweigen für die Volksbühne

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Missbrauch, Gewalt und Kriege: Das Theaterfestival in Avignon ist mit schweren Themen gestartet. Für Regisseur Frank Castorf gab es viel Ovationen und für die Volksbühne einen Moment des Schweigens.

shz.de von
erstellt am 09.Jul.2017 | 16:39 Uhr

Viel zu lachen gab es auf dem Theaterfestival in Avignon bislang nicht. Das lag nicht an der Qualität der Stücke, als vielmehr an ihrem Inhalt. Thematisiert wurden Krieg, Staat und Gewalt.

Um die Auseinandersetzung mit der Macht ging es auch in «Die Kabale der Scheinheiligen. Das Leben des Herrn de Molière» von Frank Castorf. Mit Ovationen wurden Regisseur und Schauspieler für das Stück über Kunst und Zensur gefeiert. Castorf genoss den Erfolg der Frankreich-Premiere am Samstagabend in Avignon, die zu einer Hommage an seine Zeit als Intendant der Berliner Volksbühne wurde.

Er wolle jetzt nicht mehr spielen, verkündete plötzlich der französische Theater- und Kinostar Jean-Damien Barbin. Er habe die Kabale spielen wollen, die in Avignon zum letzten Mal aufgeführt werde, rief er aus. Nun gebe es keine Volksbühne mehr. Dann bat er um einige Sekunden Schweigen für das Berliner Theaterhaus und sagte: «Danke Frank».

Castorf hat zum Theaterfestival in Avignon nicht nur seine Inszenierung mitgebracht, sondern auch das rostige Rad auf zwei Beinen. Es gilt als Symbol seiner 25-jährigen Intendanz an der Berliner Volksbühne, die vor kurzem zu Ende ging. Aus Protest gegen seine Nachfolge, die der belgische Kurator Chris Dercon mit der Spielzeit 2017/2018 nun antreten wird, wurde die riesige Skulptur vor wenigen Tagen vor der Volksbühne abmontiert. Das «Räuberrad» war mit dem Amtsantritt von Castorf im Jahr 1992 als Symbol für Fortschritt installiert worden und galt als Metapher für seinen avantgardistischen Anspruch an das Theater. 

Castorf ist nicht das erste Mal in Avignon. Im Jahr 2004 präsentierte er «Kokain» nach dem Roman des Italieners Pitigrilli und 2007 «Nord» nach dem französischen Skandaldichter Louis-Ferdinand Céline. Doch einen solchen Applaus wie am Samstagabend erhielt er noch nie. Bereits vor der Premiere wurden er und das Stück, das in Berlin Ende Mai 2016 uraufgeführt wurde, von Frankreichs Presse mit Vorschusslorbeeren bedacht.

In der mehr als fünfstündigen Aufführung geht es um Kunst und Zensur. In der Kunst gebe es keine Diplomatie, sagte der 65-jährige Regisseur in Avignon. Das Theater sei ein Kampfsport. Das Stück basiert auf zwei Textvorlagen des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow. Nicht alle sind bis zum Schluss der Aufführung aus Videoperformances, Witz, schauspielerischer Brillanz und totalem Sprechtheater geblieben. Doch die, die bis zum Ende geblieben sind, waren begeistert.

Viel Applaus erhielt auch «Unwanted» von Dorothée Munyaneza. Mit Gesang, Tanz und Spiel thematisiert Munyaneza die Massenvergewaltigung in Ruanda. Die Choreographin, die in dem afrikanischen Land geboren wurde und 1994 vor Bürgerkrieg und Völkermord nach Großbritannien floh, geht der Frage nach, wie die Tausenden von Frauen, die von Hutu-Milizen vergewaltigt und geschwängert wurden, mit ihrer Vergangenheit und den unerwünschten Kindern umgehen.

Ihren Schmerz und Hass, ihre Verzweiflung und Demütigung brachte sie zusammen mit dem amerikanischen Stimmentalent Holland Andrews in einem Stück zum Ausdruck, das zahlreiche Zuschauer bewegt und betroffen verließen. Gewalt und Frauen standen auch im Mittelpunkt von «Standing in Time» des samoanisch-neuseeländischen Regisseurs Lemi Ponifasio. 

Eröffnet wurde das Festival am vergangenen Donnerstag mit «Antigone» in einer Neuinszenierung des Japaners Satoshi Miyagi. Aus der griechischen Tragödie «Antigone» über Demokratie, Glauben und Staat hat der 59-Jährige eine Zen-Buddhismus-Inszenierung gemacht, die begeisterte. Bis zum 26. Juli stehen neben der britischen Starregisseurin Katie Mitchell und ihrer Version von Jean Genets «Die Zofen» auch eine Lesung mit der französischen Schauspielerin Juliette Binoche auf dem Programm. 

Theaterfestival von Avignon

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