zur Navigation springen

Neuanfang : Carmen Korn: Vier Freundinnen bauen sich ihr Leben

vom

Erfolgsautorin Carmen Korn erzählt in «Zeiten des Aufbruchs», wie die Hamburger Freundinnen Henny, Ida, Lina und Käthe nach dem Zweiten Weltkrieg langsam ihre Wege in Normalität und Wohlstand finden.

Heimkehrende Soldaten und Muckefuck, Notquartiere in Gartenlauben und die Verabschiedung des Grundgesetzes: Zeichen der Zeit im Frühjahr 1949, als die meisten Menschen noch immer von einem wesentlichen Gefühl getrieben wurden - vom Glück, das Grauen des Nazi-Krieges überstanden zu haben.

So auch in Hamburg, der durch britische Brandbomben mehr als zur Hälfte zerstörten Stadt. Hier leben in verschonten Gebäuden nahe der Außenalster die Freundinnen Henny, Ida und Lina, alle geboren um 1900. LeserInnen kennen die Frauen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten bereits aus Carmen Korns Band «Töchter einer neuen Zeit» (2016), in dem deren Erfahrungen von 1919 bis 1945 geschildert werden.

In Teil zwei ihrer Jahrundert-Trilogie, «Zeiten des Aufbruchs», erzählt die erfolgreiche Unterhaltungsschriftstellerin Korn (64, «Vera Lichte»-Krimis), wie die nunmehr gestandenen Hamburgerinnen ihr Dasein trotz etlicher materieller und seelischer Hürden neu einrichten. Dabei vermissen sie zunächst Käthe, die vierte im Bunde, obwohl Henny schwört, sie an Silvester in der Straßenbahn gesehen zu haben. Ihre einst kommunistisch eingestellte Hebammenkollegin war im Dritten Reich nach einer Denunziation verschwunden. Durch Zufall kommen alle Freundinnen bald wieder zusammen.

Und finden nach und nach auch ihren inneren Frieden an der Seite ihrer Lebensgefährten. Wobei Ida, die verwöhnte Bürgerstochter, neben ihrem Gatten chinesischer Herkunft meist gelangweilt und unzufrieden bleibt. Und Lehrerin Lina ihr Glück längst in einer Frau gefunden hat - Louise, mit der sie einen florierenden Buchladen in der Innenstadt aufmacht.

Auf fast 600 Seiten entwirft Korn, die seit 40 Jahren in der Hansestadt lebt und sich einst als Redakteurin beim «Stern» einen Namen gemacht hat, voller Empathie ein facettenreiches, fast idyllisches Freundschafts- und Familiengeflecht, das den Roman zum Pageturner macht.

So ist zu erfahren, wie es in den Menschen ausgesehen haben mag zu einer Zeit, von der nur noch Wenige Zeitzeugen berichten können.. Über Cocktailpartys und Rock'n'Roll der 50er Jahre geht es im Buch mit dem Wirtschaftswunder bergauf - bis Ende der 60er Käthes Adoptivtochter Ruth in radikale Kreise der Studentenrevolte gerät. Die geborene Rheinländerin Korn hat in Medieninterviews erklärt, wie sie über die Jahre immer wieder Geschichten reiferer Hamburger gelauscht und Material für ihre Bücher gesammelt habe - ob auf dem Kinderspielplatz oder beim Gassi-Gehen mit dem Hund.

So mag ihr Roman, der vor allem Leserinnen ansprechen dürfte, den Älteren Auffrischung von Erinnerungen bedeuten und den Jüngeren von Zeitläufen erzählen, die von ihrem Lebensgefühl meilenweit entfernt zu sein scheinen. Die Mittel, die Korn dafür einsetzt, wirken allerdings teils reichlich schlicht: Um die große Politik zu kennzeichnen, zählt sie Ereignisse wie Wiederaufrüstung und Notstandsgesetzgebung auf. Auch ihre gehäufte Nennung von Fernsehsendungen wie «Familie Schölermann», Schlagermusik von Willy Schneider bis Frank Sinatra oder Zeitschriften wie «Film und Frau» bleiben oberflächliche Attribute.

Überdeutlich - und damit leider seicht - gerät auch Korns Plädoyer für die damals nicht selbstverständliche Berufstätigkeit von Frauen. Ebenso ihre Sympathiewerbung für Homosexuelle, die noch unter dem berüchtigten Paragrafen 175 zu leiden hatten.

Carmen Korn: Zeiten des Aufbruchs, Kindler, Reinbek, 608 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-463-40683-1

Homepage Rowohlt Zeiten des Aufbruchs

zur Startseite

von
erstellt am 25.Jul.2017 | 15:10 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert