zur Navigation springen

Melancholischer Indie-Rock : Brüchige Hymnen von The National

vom

Obwohl die US-amerikanische Rockband The National inzwischen in großen Stadien spielt, haben die Musiker ihren Sinn für komplex arrangierte Indiehits nicht verloren. Und auch ihr politisches Bewusstsein ist den bekennenden Obama-Fans dort nicht abhanden gekommen.

shz.de von
erstellt am 11.Sep.2017 | 11:44 Uhr

In den vergangenen sechzehn Jahren haben The National das Äußerste aus dem Genre Indierock herausgeholt: Durch fein komponierte Hits, die zwar beim ersten Hören schon Spaß machen, ihre ganze Wirkung dank der vielen instrumentalen Spielereien aber erst mit der Zeit entfalten.

Mit jedem Album wurden die fünf Musiker bekannter und irgendwann so erfolgreich, dass Barack Obama ihr Lied «Fake Empire» 2008 im Wahlkampf verwendete. Es war das vielleicht untypischste Wahlkampf-Lied aller Zeiten: Ein melancholisches Klavierstück, in dem der Sänger Matt Berninger sich wünscht, dem Alltag zu entfliehen.

Währenddessen fing die Band nicht nur an, den damaligen US-Präsidenten mit Konzerten zu unterstützen, sondern auch, in großen Stadien zu spielen. Doch ihrer Musik hat das erstaunlicherweise bis heute nicht geschadet. Auch auf ihrem neuen, siebten Album «Sleep Well Beast» schaffen The National es wieder, diese komplex arrangierten, brüchigen Hymnen zu komponieren, für die sie so bekannt geworden sind.

Das Erfolgsrezept eines The National-Songs funktioniert auch auf «Sleep Well Beast» wie gewohnt: Zunächst ist da die alles einhüllende, kellertiefe Bariton-Stimme von Berninger. Er singt von allerlei Beziehungsproblemen, ohne je den Humor zu verlieren - etwa, wenn er die schlechten Outfits seiner Mitmenschen kritisiert oder erklärt, dass er sich von schlechten Nachrichten nicht die Frisur ruinieren lässt.

Dazu kommt das nervös zuckelnde Schlagzeugspiel von Bryan Devendorf, das den Songs Spannung verleiht, und das Bass-Spiel seines Bruders Scott. Die beiden sind nicht das einzige Bruderpaar in der Band - die Zwillinge Aaron und Bryce Dessner sind für die Gitarren und das Klavier, aber auch die Arrangements zuständig. Sie reichern die Songs mit Bläsern, Streichern oder Synthies an.

Eine typische The National-Melodiefolge biedert sich nicht gleich im ersten Moment an, sondern offenbart ihre volle Durchschlagskraft erst im Laufe eines Songs. Ein gutes Beispiel ist die neue Single «The System Only Sleeps In Total Darkness». Die Spannung bis zum ersten Refrain baut sich da über Minuten auf.

Erst gibt es ein paar Klavieranschläge und einen nach vorne drängenden Beat. Langsam kommen immer mehr Instrumentenspuren dazu, leise Trompeten und Trommeln. Bis zum ersten Refrain sind fast zwei Minuten vergangen - doch der ist dafür umso eingängiger. «I can’t explain it any other, any other way», wiederholt Berninger dann immer wieder in unüblich hoher Tonlage. Auch sonst ziehen sich ein paar neue Elemente durch das Album: Ungewohnt grantige Gitarren-Soli zum Beispiel, oder Drum-Computer.

Von der Politik hat sich die Band auch nach Obamas Abgang nicht verabschiedet. «Turtleneck» erzählt von einem gewissen reichen Mann, der täglich vom Klo aus seine Botschaften auf unsere Smartphones sendet. «Walk It Back» endet mit dem Zitat eines ehemaligen Beraters im Weißen Haus. «We’re an empire now, and when we act, we create our own reality», heißt es darin («Wir sind jetzt ein Reich, und wenn wir handeln, erschaffen wir unsere eigene Realität»). Eigentlich ein jahrealtes Zitat des Republikaners Karl Rove, wirkt es in Zeiten von Trump bedrohlicher denn je.

The National auf Facebook

Label-Website

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert