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In Zeiten von Trump und Brexit : Britischer Bestseller-Autor John le Carré fordert: Lernt die deutsche Sprache!

vom
Aus der Onlineredaktion

Eine klare Sprache gegen Lügen und Vernebelung – Fremdsprachenkenntnisse seien heute wichtiger denn je.

von
erstellt am 03.Jul.2017 | 15:13 Uhr

London | Germanist, MI5-Agent, Schriftsteller – die Biografie des britischen Autoren John le Carré liest sich so abenteuerlich wie seine zahlreichen Bestseller („Der Spion, der aus der Kälte kam“, „Bube, König, As, Spion“, „Nachtmanager“). Le Carré war nicht nur Spion des britischen Geheimdienstes zu Zeiten des Kalten Krieges, sondern auch Germanist. Zwei Jahre lang lehrte er Deutsch an einem College im Süden Englands. Jetzt bricht der 85-Jährige in einem Gastbeitrag für den „Guardian“ eine Lanze für die deutsche Sprache – und sorgt damit für Aufsehen im Netz. Bis Montag wurde sein Beitrag über 50.000 mal geteilt.

„Warum wir deutsch lernen sollten“, ist der Text überschrieben. Er wurde ursprünglich am 12. Juni als Rede bei einer Preisverleihung für Deutschlehrer in Großbritannien gehalten. Die Intention dahinter geht weit über grammatische Besonderheiten hinaus. Der Grund für le Carrés Appell ist niemand geringeres als US-Präsident Donald Trump. Der hatte zuletzt mit einem gewaltverherrlichenden Tweet gegen den Sender CNN für scharfe Kritik gesorgt.

 

Die erneute Entgleisung Trumps in den sozialen Netzwerken reiht sich für le Carré ein in den Missbrauch von Sprache: „In der außergewöhnlichen Periode, die wir durchleben, – möge sie nur vorübergehend sein – ist es unmöglich, sich nicht über jede widersprüchliche und unverständliche Äußerung aus Übersee zu wundern“, schreibt der Thriller-Autor. Trump – ohne ihn direkt beim Namen zu nennen – wirft le Carré Vernebelung und Lügen vor. Für den US-Präsidenten sei eine klare Sprache „die Stimme des Feindes“: „Für ihn ist sie Fake News. Weil er weiß, wenn auch nur intuitiv, was wir aus schmerzlicher Erfahrung wissen: Dass es ohne klare Sprache keinen Standard für Wahrheit gibt.“

Fremdsprachenlehrer erhöht der 85-Jährige damit zu „Hütern der Wahrheit in einer gefährlichen Zeit“. Und hier kommt Deutschland ins Spiel. Wer die deutsche Sprache lehrt, das Verständnis der Deutschen Kultur befördert, der helfe, den Streit in Europa auszugleichen, ihn klar und zivilisiert zu halten. Sie sei klar, präzise und schön.

Man könne sehr viel Spaß haben mit der deutschen Sprache, zum Beispiel indem man monströs lange Wörter erfindet. „Donaudampfschiffsfahrtsgesellschaftskapitän“, nennt le Carré als Beispiel, das er bei einer Google-Suche gefunden habe. Le Carré zititert den Mark-Twain-Witz: „Manche deutsche Wörter sind so lang, sie haben Perspektive.“ Man könne verrückte Adjektive bilden wie etwa „meine-kürzlich-von-meinen-Eltern-aus-dem-Fenster-geworfene PlayStation“. Aber neben allem Lustigen: Gleichzeitig seien die Gedichte Hölderlins, Goethes oder Heines in einer Sprache „höchster Einfachheit und Schönheit“ verfasst, „die sie für viele von uns zu einer Sprache der Götter“ macht.

Le Carré fand seine Liebe zur Deutschen Sprache erst beim zweiten Mal Hinhören. Die Schulzeit des als David John Moore Cornwell geborenen le Carré fiel in die Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Vereinigten Königreich gab es einen Chor der „Anti-Deutschland-Propaganda“, beschreibt es der Bestseller-Autor. Doch gab es an seiner Schule einen Lehrer, der an die „Schönheit der Deutschen Sprache, seiner Literatur und Kultur“ glaubte. Dieser Lehrer legte einst eine Schallplatte auf, auf der Schauspieler romantische deutsche Gedichte rezitierten. Le Carré gibt sie aus seiner Erinnerung wieder:

Du bist wie eine Blume – CRACK – So hold und schön und... – CRACK (Heinrich Heine)

Bei Nacht im Dorf der Wächter rief… – CRACK (Eduard Mörike’s Elfenlied)“

Der Junge, der später im britischen Konsulat in Hamburg arbeiten sollte, verliebte sich in die Aufnahmen. „Sie gefielen meinem nordischen Ohr“, sagt er. Außer „Achtung!“ und „Hände hoch!“, hätten nur wenige seiner Mitschüler Gefallen an der Sprache gefunden, was le Carré, wie er sagt, nur bestärkte. 1948 ging er in die Schweiz, um in Bern Germanistik zu studieren.

Eine fremde Sprache zu lernen, sei ein Akt der Freundschaft. Es diene nicht nur der Möglichkeit, Handel zu treiben, sondern sei viel mehr ein Weg, sich besser kennen zu lernen, die Kultur, die sozialen Gepflogenheiten und das Denken des anderen. Wer eine Fremdsprache lernt, implantiere somit eine zusätzliche Seele, sagt le Carré und zitiert damit Charlemangne. Diese zwei Seelen dann in Einklang zu bringen, erfordere Geistesgeschick. „Es zwingt uns präzise zu sein, Bedeutungen gegenüberzustellen, rational und kreativ zu denken, bis wir das passende Wort [für die Übersetzung] finden“, so le Carré.

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