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Außer sich : Brillantes Vexierspiel von Sasha Marianna Salzmann

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«Hier schreibt jemand, der etwas zu erzählen hat», hieß es einmal über Sasha Marianna Salzmann. Das beweist die 32-jährige Autorin jetzt in ihrem Debütroman erneut, mit dem sie Chancen auf den Deutschen Buchpreis hat.

shz.de von
erstellt am 12.Sep.2017 | 11:19 Uhr

Was ist eigenes Leben? Und wo fängt die Fantasie an? Sasha Marianna Salzmann, Hausautorin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, hat in ihrem furiosen Debütroman «Außer sich» die Grenzen gekonnt verwischt.

Selbst in Russland geboren und als jüdisches Flüchtlingskind in Deutschland aufgewachsen, erzählt die 32-Jährige eine Geschichte von Entwurzelung, Heimatlosigkeit und der Suche nach der eigenen Identität - sensibel und radikal zugleich. Damit hat sie es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft.

«Ein facettenreiches Generationspanorama von der Sowjetunion im 20. Jahrhundert bis ins Europa der Gegenwart», befand die Jury, die Salzmann den Jürgen-Ponto-Literaturpreis zusprach.

Ihre Heldin Alissa (oder sollen wir gleich sagen: ihr Held?) lebt in einer aus den Fugen geratenen Welt. In der Sowjetunion als «Judensau» beschimpft und in Deutschland von den Klassenkameraden mit «Russki, Russki, ficki ficki» empfangen, wird ihr Bruder Anton zur einzigen Sicherheit ihres Lebens. Als der Zwilling plötzlich verschwindet, macht sie sich in Istanbul auf die Suche nach ihm.

Doch in der brodelnden Millionenmetropole wird aus der Sehnsucht nach dem Vermissten immer mehr die Frage nach sich selbst, nach den eigenen Wurzeln. «Ich kann mich nicht sehen, habe keine Erinnerungen, habe eine Nabelschnur, die ins Nichts führt», sagt sie einmal.

Der Tänzer Katho, der früher Katüscha hieß und eine Frau war, ehe er in ihren Mund ejakulieren konnte, wird schließlich zum Vorbild. Auch Alissa besorgt sich auf den Straßen Istanbuls Testosteron und lässt sich künftig Anton nennen. «Ich hatte ein Ziel, aber es musste auf mich zugestolpert kommen.»

Marianna Salzmann hat schon in ihrer Theaterarbeit bewiesen, wie souverän sie mit solch schwierigen Themen umgehen kann. Nach einem Studium in Hildesheim und Berlin gewann sie bereits mit ihren ersten Stücken «Weißbrotmusik» und «Muttermale Fenster Blau» Auszeichnungen.

Der deutsch-jüdische Generationenkonflikt «Muttersprache Mameloschn» brachte 2013 den großen Durchbruch. Seitdem ist sie Hausautorin am Gorki und leitete dort bis 2015 mit dem Studio Я die wohl spannendste Experimentierbühne Deutschlands. Während eines Stipendiums an der deutschen Kulturakademie Tarabya in Istanbul 2012/13 begann die Arbeit an ihrem jetzt vorliegenden Romandebüt.

Die angespannte Situation in der Türkei von den ersten Demonstrationen auf dem Taksim-Platz bis zum blutig niedergeschlagenen Putschversuch von 2016 ist der politische Hintergrund, vor dem die Erzählung spielt. Damit verwebt sie die wechselvolle Geschichte Europas von der Russischen Revolution bis zur Besetzung der Krim, wenn sie Ali alias Anton auf der Spurensuche nach seinen familiären Wurzeln begleitet.

Da sind die Urgroßeltern Etja und Schura, stolze Ärzte, die auch nach den Gräueln der Stalin-Zeit den Glauben an den Sozialismus nicht verlieren wollen. Da sind die Großeltern Emma und Daniil, die auch noch angesichts von Alissas kräftig sprießendem Bart am Bild der langhaarigen Enkeltochter festhalten. Und da sind schließlich die Eltern Valentina und Konstantin, die auf je unterschiedliche Weise am Leben in der Fremde zerbrechen.

Trotz der Wucht der Geschichten erzählt Salzmann mit leichter Hand und klarem Ton. Virtuos verknüpft sie dabei verschiedene Zeit- und Ortsebenen und den Wechsel der Perspektive: Einmal beobachtet sie ihre Ali von außen, ein andermal gibt sie ihr die Ich-Form.

In einem zweiten Teil kommt überraschend der verschwundene Anton selbst zu Wort - auf der Suche nach seiner Schwester Ali. Und spätestens hier lässt sich der Roman auch als ein brillantes Vexierspiel lesen, in dem die Grenzen zwischen Ich und Du, Sie und Er endgültig aufgehoben sind.

Sasha Marianna Salzmann, Außer sich, Suhrkamp Verlag Berlin 2017, 366 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-518-42762-0

Buchhinweis des Verlags (mit Leseprobe)

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