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Trendthemen und Relaunch : BRAVO will ihre Jugend im Internet wiederfinden

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Aus der Onlineredaktion

Der alarmierende Auflagenschwund setzt der „Bravo“ arg zu. Als Rettungsanker setzt der Bauer-Verlag auf mehr Beratung, mehr Web und mehr Musik.

shz.de von
erstellt am 03.Sep.2014 | 11:43 Uhr

Hamburg | Weniger Justin Bieber, mehr Doktor Sommer und auch wieder mehr Musik: Das Jugendmagazin „Bravo“ will sich stärker auf Inhalte konzentrieren, die die jungen Leser im wirklichen Leben angehen. Künftig würde das Heft den Jugendlichen mehr Orientierung bei „lebensnahen Themen“ bieten, sagte der Verlagsgeschäftsführer der Bauer München Redaktions KG, Marc de Laporte, am Mittwoch in Hamburg. Dabei ginge es in größerem Umfang um aktuelle Trends, Gesprächsstoffe, Musik, sowie emotionale und sexuelle Themen.

Der Bauer Verlag legt zudem einen größeren Fokus auf seine digitale Präsenz: Für die kommenden Wochen sei ein kompletter Relaunch der Internetseite Bravo.de geplant, sagte der Director Digital bei „Bravo“, Steffen Schmid. Die Entwicklung der Seite habe rund acht Monate gedauert. Innerhalb eines Jahres habe sich bereits bei der jetzigen Version die Zahl der Seitenbesuche um 130 Prozent auf knapp acht Millionen Visits gesteigert, sagte Schmid. Zudem wurden weitere Neuigkeiten für die Dr.-Sommer-Rubrik vorgestellt. Hintergrund ist die Kündigung der langjährigen Leiterin des Aufklärer-Teams, Jutta Stiehler.

Bereits im vergangenen Jahr hatte Bauer die Konzeption seines Printmagazins überarbeitet und neue Star- und Technik-Formate verkündet. „Stars erwischt“ setzt seitdem wie klassische People-Magazine auf Paparazzi-Fotos oder Bilder von Star-Inszenierungen im Netz. Die Kategorie „Hot or Not“ beleuchtet die neuesten Trends in Musik, Kino, Styling oder Lifestyle. Zudem will sich das Magazin künftig verstärkt dem Thema Apps und Technik widmen.

Die Auflage des Jugendmagazins befindet sich seit Jahren im Sinkflug: Noch in den Siebzigern wurde die „Bravo“ fast zwei Millionen Mal verkauft. Seit Ende der 1990er ist die Auflage des Blattes um fast 90 Prozent geschrumpft - aktuell liegt sie nach Angaben des Verbands Deutscher Zeitungsverleger (VDZ) unter 150.000.

Die „Bravo“ steht wie andere Jugendmagazin nach Sicht von Experten vor allem wegen der Konkurrenz attraktiver Internet-Angebote unter Druck: Über Sex tauschen sich Jugendliche hauptsächlich in Foren oder sozialen Netzwerken aus, nach Stars suchen sie mit Suchmaschinen und klären sich in speziellen Youtube-Kanälen auf.

Die „Bravo“ war erstmals 1956 erschienen, seit 1968 gibt es sie wöchentlich. Ein Jahr später stieß mit dem Psychotherapeuten Martin Goldstein der erste „Dr. Sommer“ zum Heft - und sorgte wenig später für Aufregung: Zweimal schaffte es das Magazin 1972 wegen seiner Sexratgeber-Seite auf den Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. „Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane“, befanden damals die staatlichen Sittenwächter.

Bravo-Trivia: Unnützes Wissen

Der Bravo-Starschnitt

Der „Bravo“-Starschnitt hat die Kinderzimmer von Millionen geprägt. Stück für Stück konnten Fans sich ihren Star in Lebensgröße an die Wand kleben. Der erste Starschnitt aus dem Jahr 1959 zeigte Brigitte Bardot. In den folgenden Jahrzehnten wurden nach „Bravo“-Angaben mehr als 120 Musik-, Film- und Fernsehidole in voller Lebensgröße abgebildet, darunter Elvis Presley, Britney Spears und Boris Becker. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland legte „Bravo“ nach eigenen Angaben den breitesten Starschnitt aller Zeiten auf: Die insgesamt 13 Motive der deutschen Nationalmannschaft maßen aneinandergereiht insgesamt 3,56 Meter. Im vergangenen Jahr brachte die Jugendzeitschrift zum ersten Mal seit rund sieben Jahren wieder eins der Kultposter heraus. Das insgesamt 170 Zentimeter hohe, achtteilige Riesenposter der Teenie-Idole Selena Gomez und Vanessa Hudgens in knappen Bikinis war der erste Starschnitt seit 2006, wie Bauer Media mitteilte. Damals waren Bill und Tom Kaulitz von Tokio Hotel darauf zu sehen.

„Was ist Petting?“ - „Dr. Sommer“ antwortet seit 1969

Seit rund 45 Jahren ist „Dr. Sommer“ eine Institution. In der Jugendzeitschrift „Bravo“ beantwortet ein Team unter dem Namen Fragen von Jugendlichen und kümmert sich um ihre Sorgen. Die erste „Sprechstunde“ gab es im Jahr 1969. Damals hatte sich eine 13-Jährige in den Busfahrer verliebt. „Was soll ich tun?“ Erster „Dr. Sommer“ war der Düsseldorfer Psychotherapeut Martin Goldstein. 15 Jahre lang leitete Goldstein die Rubrik, die das Heft 1972 zweimal auf den Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften brachte. Weil die Jugendzeitschrift unter großen Auflagendruck geraten ist, wird inzwischen am „Dr. Sommer“-Team gespart. Künftig soll ein Team aus festen und freien Mitarbeitern die Fragen der Leser beantworten. Eine Rangliste der häufigsten Fragen führt der Bauer Verlag zwar nicht, hier aber einige Eindrücke aus mehr als vier Jahrzehnten Aufklärung:  „Mit 15 noch zu unreif?“ (1969)  „Was ist Petting?“ (1971)  „Wie komme ich an meinen Traumboy ran?“ (1988)  „Wegen meiner Schwitzhände habe ich Angst vor der Tanzschule“ (1988)  „Meine Mutter hat mein Sparbuch versteckt“ (1988)  „Wieso ist Sex erst ab 14 erlaubt?“ (2003) „Ist die Pille ein Lustkiller?“ (2003)  „Ich will die Pille. Soll ich das der Frauenärztin gleich sagen?“ (2009)  „Ich bin immer in doofe Jungs verliebt“ (2009)  „Ich hatte eine Erektion am Badesee.“

Die „Bravo“-Bar in Bremen

Wer eine originale „Bravo“ aus den Siebzigern lesen will, geht in Bremen nicht ins Archiv, sondern in die Kneipe. In der Szene-Bar „Wohnzimmer“ können Gäste in Retro-Heften durch das Jugendmagazin blättern, während sie auf ihre bestellten Drinks warten. Im Oma-Flair hocken die Besucher auf alten Sofas, die Getränkekarten sind in Magazinen versteckt. „Unsere Zielgruppe ist zwischen Mitte zwanzig und fünfzig Jahre alt“, sagte Inken Ehrich vom „Wohnzimmer“. „Mit der Bravo sollen hier alle generationenübergreifend ihre Idole wiederfinden“. Mal rocken die Beatles-Pilzköpfe in den Ausgaben auf Schwarz-Weiß-Fotos, mal ist die schwedische Band Abba auf Covern zu sehen. Leicht sei es nicht, an die begehrten Ausgaben heranzukommen, sagte Ehrich. „Auf Ebay finden wir Sammlerstücke, es wird aber immer schwieriger.“ Zumal gerade diejenigen zum Verlust der wertvollen Zeitschriften beitragen, die wegen der Bravo-Nostalgie extra vorbeischauen: Die Gäste. „Wir haben wohl schon einige Wohngemeinschaften mit unseren Heften gefüllt“, sagte Ehrich.

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