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Neue Führung in Lübeck : Brandt und Grass: Auf den Spuren der Nobelpreisträger

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es wurde eine Liaison aus Poesie und Politik, die die Bundesrepublik geprägt hat. In Lübeck erklärt eine neue Führung die besondere Verbindung zwischen Willy Brandt und Günter Grass.

Lübeck | „Ich würde meine Aufgabe verfehlen, wollte ich mich aufs Jasagen beschränken; ich wäre Dir ein schlechter Freund, wenn ich Dir gegenüber in meinen Briefen, aber auch in der Öffentlichkeit meine, wie ich meine, begründete Kritik unterlassen wollte.“ Der Schriftsteller Günter Grass ist und war kein Mann der schonenden Worte, auch seinem Mentor und Freund Willy Brandt gegenüber nicht, für den er scheinbar urplötzlich vom vermeintlich anarchistischen Saulus zum wahlkämpfenden Paulus geworden war.

Es wurde eine Liaison aus Poesie und Politik, die die Bundesrepublik geprägt hat. In Lübeck wird sie jetzt in einer Führung erlebbar. „Geist und Macht. Günter Grass und Willy Brandt“ ist ihr Titel. Erstmals wird hier eine einmalige räumliche Konstellation genutzt: Die Nachbarschaft von Günter Grass- und Willy Brandt-Haus, die mit einem Garten verbunden sind.

Im Dunstkreis von Kopfmenschen möchte man eigentlich nicht von Wundern sprechen. Wenn sich aber das von der Hansestadt getragene Günter- Grass-Haus und die Bundeseinrichtung Willy-Brandt-Haus zu einem Gemeinschaftsprojekt zusammenraufen, dann ist das mehr als bemerkenswert: Ein organisatorisches Wunder, geboren aus einer außergewöhnlichen Beziehung, die im Sommer 1961 ihren Anfang nahm, als Grass es als „Bürgerpflicht“ ansah, für den im Wahlkampf als Emigrant und uneheliches Kind diffamierten SPD-Kandidaten einzutreten. „Ich schraubte das Tintenfaß zu, verließ mein Stehpult, ergriff Partei“, zitiert Ursula Häckermann den Schriftsteller; sie, sowohl im Grass- wie auch im Brandt-Haus aktiv, führt künftig Besucher auf den Spuren von „Geist und Macht“ durch beide Häuser.

Im Hinterkopf hat sie dabei das 2013 von Martin Kölbel herausgegebene Buch „Willy Brandt und Günter Grass: Der Briefwechsel“ (Steidl Verlag), das ein mehr als 30 Jahre währendes Mit- und Nebeneinander dokumentiert.

Start ist im Grass-Haus, am Regal, das dort der „Kosmos Grass“ heißt und neben Skulpturen, Schlümpfen, einem mumifizierten Frosch auch den Nobelpreis für Literatur zeigt, den Grass 1999 erhielt, 18 Jahre, nachdem Brandt mit dem Friedensnobelpreis für die Ostpolitik geehrt worden war, an der Grass mitgedacht hatte.

Obwohl gänzlich unterschiedlicher Herkunft und Biographie – Grass aus nationalsozialistisch fasziniertem Danziger Kleinbürgertum, Brandt aus sozialdemokratisch orientierter Arbeiterfamilie, jugendlicher Kriegsfreiwilliger und Mitglied der Waffen-SS der eine, politisch engagierter Emigrant der andere – finden sie in den 1960er Jahren doch gemeinsame Ziele: „Mehr Demokratie wagen“ lautet eines; die Formel von 1969 stammt von Grass, der da schon seit acht Jahren Brandts kritischer Ideengeber und Wahlkämpfer ist.

Die Grass-Haus-Stationen „Nationalsozialismus“ und „Politisches Engagement“ sind ergiebige Stationen der Führung, die nach 30 Minuten, etwa der Hälfte der Zeit, in dem Garten ankommt, der ebenfalls Dokument dieser Freundschaft ist. Dass nämlich das Brandt-Haus Rücken an Rücken zu dem nach ihm benannten Literaturhaus 2007 seine Arbeit in Brandts Geburtsstadt Lübeck aufnahm, hatte Grass vorangetrieben.

Durch die Hintertür geht es ins Brandt-Haus und zurück in dessen Lübecker Kindheit: Der Mauerfall, über dessen Folgen sich Schriftsteller und Politiker, wenn auch nicht zerstritten, dann doch kontrovers diskutierten. Wo Brandt hoffte, es möge zusammenwachsen, was zusammen gehört, fragte Grass angesichts einer „Kehrseite der Marktwirtschaft: Wer hat das denn gewollt? Nur Kohl mit seinen ungedeckten Versprechungen? Haben nicht andere auch der Eile das Wort geredet?“ Damit meinte er wohl seinen Freund Willy.

Weiter Richtung Rücktritt, Guillaume, vorbei am Friedensnobelpreis, zurück zur Unterzeichnung des Grundlagenvertrags und zum Warschauer Kniefall von 1970, vor dem Grass geraten hatte, den Besuch nicht „in üblicher Glätte und innerhalb des gewohnten Protokolls“ zu gestalten.

Regierender Bürgermeister, Emigration, nationalsozialistische Bedrohung, Schulzeit, Kindheit. Ende der Zeitreise. Gut, dass es die endlich gibt.

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erstellt am 26.Nov.2014 | 10:15 Uhr

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