Neue Stars der Klassik-Szene : Boom der Countertenöre

Philippe Jaroussky ist einer der großen Stars.  
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Philippe Jaroussky ist einer der großen Stars.  

Die erste Premiere der Oper Frankfurt in dieser Spielzeit: ein Werk, in dem alle Frauenrollen von Männern gesungen werden. Die Oper stammt aber nicht aus dem Barock, sondern von einem zeitgenössischen Komponisten.

shz.de von
05. September 2018, 18:11 Uhr

Der Boom der Countertenöre reißt nicht ab. Wer bei Amazon nach Aufnahmen mit Countertenören sucht, bekommt mehr als 450 Treffer angezeigt.

Philippe Jaroussky wurde schon zwei Mal als «Bester Sänger des Jahres» mit dem Echo Klassik ausgezeichnet. Das Plattenlabel Decca bewirbt sich um die Nachfolge der «3 Tenöre» mit «The 5 Countertenors». Männer, die mit Kopfstimme so hoch wie Frauen singen, sind die neuen Stars im klassischen Gesang.

Die Bochumer Musikwissenschaftlerin Corinna Herr glaubt nicht, dass das eine Modeerscheinung ist. Die besondere Stimmlage habe sich als «fünftes Stimmfach» etabliert, sie nehme «den Platz ein, der ihr im Gefüge der Gesangsstimmen zusteht», sagt Herr. Begonnen hat die Entwicklung mit der Händel-Renaissance in den 1980er Jahren. Bis heute sind die sogenannten «Kastraten-Partien» des 17. und 18. Jahrhunderts ein wichtiger Bestandteil des Repertoires.

Countertenöre und Kastraten dürfe man aber nicht verwechseln, betont die Autorin des Buchs «Gesang gegen die 'Ordnung der Natur'? Kastraten und Falsettisten in der Musikgeschichte». Männer, die in früheren Jahrhunderten Frauenrollen sangen, wurden operiert und sangen im Sopran oder Alt; Countertenöre singen zwar Sopran- oder Altrollen, sie singen diese aber im Falsett und sind selbstverständlich körperlich unversehrt. «Das ist schon etwas anderes und das hört sich auch anders an», sagt Herr.

Countertenöre werden nicht nur beim Publikum immer beliebter, es gibt auch immer mehr. Der erste Countertenor-Star war ein Deutscher, Jochen Kowalski. Nach ihm kamen Andreas Scholl, Max Emanuel Cencic, Franco Fagioli, Philippe Jaroussky und eine inzwischen schier unüberblickbare Zahl von Sängern in diesem früher seltenen Register.

Seit es so viele Countertenöre gibt, habe sich auch ihre Art zu singen verändert, sagt Herr: «In den 1980/90er Jahren wurde häufig versucht, so hoch und so frauen-ähnlich wie möglich zu singen. Inzwischen haben Countertenöre ihre individuelle Stimme gefunden.» Vereinzelt wagen sich einige sogar an das romantische Kunstlied, Zvi Emanuel-Marial zum Beispiel an Schuberts «Winterreise».

Neben Alter Musik ist Neue Musik die zweite Domäne der Countertenöre. Zeitgenössische Komponisten schreiben wieder vermehrt Rollen für Countertenöre in ihre Werke. Eines sind die «Drei Schwestern» von Peter Eötvös. An der Oper Frankfurt - vom Magazin «Die deutsche Bühne» gerade erneut an die Spitze deutscher Opernhäuser gewählt - ist das Stück an diesem Sonntag (9. September) die erste Premiere der neuen Spielzeit.

Der 1944 in Ungarn geborene Komponist schrieb das Werk - eine Version des Dramas von Anton Tschechow - für vier Countertenöre. Nach der Uraufführung 1998 in Lyon wurde das Stück aber nur selten in dieser Besetzung auf die Bühne gebracht, was Eötvös bedauert.

«Für mich war es wichtig, die vier Frauenrollen zu abstrahieren, genauso, wie dies altgriechische Tragödien praktiziert haben», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. «In dieser Oper geht es um Abschiede. Jemand wird für immer verlassen. Ich wollte nicht eine Familiengeschichte verfolgen, sondern die emotionale Seite verstärken - es geht um ALLE Abschiede.» In den griechischen Tragödien würden die Schauspieler vom Boden erhöht, «so möchte ich auch meine Kontratenor-Sänger 'erhöhen'.»

Dass diverse Opernhäuser die Rollen später mit Frauen besetzten, hatte vermutlich Kostengründe, sagt der Intendant der Oper Frankfurt, Bernd Loebe. Ihm sei es wichtig gewesen, dem Wunsch des Komponisten zu entsprechen - der «Verfremdungseffekt» sei essenziell für die Wirkung des Werks. «Auch rückt man so einfacher von der klassischen Larmoyanz des Werkes ab, wenn Männer Frauenpartien spielen.»

Die Amme singt übrigens ein Bass, die tiefste Stimmlage. Das ungewöhnlich besetzte Werk hat auch zwei Orchester und damit zwei Dirigenten. Einer ist Dennis Russell Davies. Für ihn hat die Besetzung mit Countertenören neben der dramatischen Wirkung auch andere Vorteile. «Es ist interessant, dass dadurch die Verständlichkeit des Textes und die Balance mit Instrumenten leichter zu lösen sind.»

In Frankfurt singen die drei Countertenöre Ray Chenez, David DQ Lee und Dmitry Egorov die drei Schwestern Irina, Mascha und Olga. Der vierte im Bunde, Eric Jurenas, übernimmt die Rolle ihrer Schwägerin Natascha. Die Generalstöchter leben nach dem Tod ihrer Eltern bei ihrem Bruder und dessen Frau in einem russischen Provinzstädtchen und träumen von der glücklichen glanzvollen Zeit in Moskau.

Ein paar Tage später hat in Frankfurt die Oper «Lost Highway» von Olga Neuwirth Premiere. Ein Werk, das von dem gleichnamigen Film von David Lynch inspiriert ist, das Libretto stammt von Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Auch die 1968 geborene österreichische Komponistin hat eine große Countertenor-Rolle, den «Mystery Man». In Frankfurt singt ihn Rupert Enticknap.

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