Flens-Arena : Bob Dylan: Gegen die Hörgewohnheiten

Bob Dylan 2011 in Peking.
Bob Dylan 2011 in Peking.

4500 begeisterten Zuschauern in der Flens-Arena bot Dylan zwei Stunden beste Unterhaltung. Was am Ende feststeht: Er ist vermutlich der lässigste 73-Jährige den es gibt.

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09. Juli 2014, 14:27 Uhr

Flensburg | Wer hat eigentlich behauptet, der Mann spreche nicht mit dem Publikum? „Danke schön“, sagte Bob Dylan und kündigte anschließend eine kurze Pause an. Zwei Worte in klarem Deutsch und ein paar genuschelte in Englisch, die vom Publikum laut und euphorisch bejubelt wurden. Damit wurde das Dylan-Konzert nicht gleich zur Talkshow, aber an dieser kleinen Szene wurde deutlich, dass der Großmeister des Folk-Pop, der heilige Bob, Lust hatte. Lust auf die Musik, Lust auf das Konzert, ja, sogar Lust auf die Menschen.

Es gibt so viele Geschichten über Bob Dylan und seine Konzerte, dass man mitunter glauben könnte, nur Masochisten und Hardcore-Fans würden sich in die Höhle des singenden Löwen wagen – in demütiger Erwartung dessen, was sie dort erwartet. Denn eines kann man sicher sagen: Der Verlauf von Dylans Konzerten ist nicht vorhersehbar.

Wer sich nun am Dienstag, dem Hitze- und Halbfinaltag, in die Höhle Flens-Arena begeben hatte, der musste diese Entscheidung jedenfalls nicht bereuen, ganz im Gegenteil: 4500 Menschen waren gekommen und was sie geboten bekamen, war knapp zwei Stunden allerbester Unterhaltung, in Dylan-Maßstäben natürlich. Sein Gesang war klar und kräftig, die Stimme nuanciert, nur in den tieferen Tonlagen knarzte sie dann doch ein wenig; aber von dem heiseren Bellen, das ihm mitunter nachgesagt wird, war Dylan weit entfernt. Man darf es ja nicht vergessen, der Mann ist gerade 73 Jahre alt geworden. Ein lebendes Gesamtkunstwerk, das zum Auftaktsong „Things have changed“ aus dem Dunkel auf die Bühne trat und gemeinsam mit seiner Band die Richtung des Abends vorgab. Mehr Tempo als Ballade, mehr Unbekanntes als Bekanntes – ein Dylan-Konzert ist keine Hitparade. Things might have changed, aber das bleibt doch immer gleich. Dylan will keine Erwartungen erfüllen, von seinem wohl bekanntesten Album, dem Meisterwerk „Desire“ spielte er kein einziges Lied.

Stattdessen „She Belongs to me“ und „Beyond here lies nothin“, bei dem er das erste Mal an den Flügel geht. Die Melodien wechseln dabei zwischen Bluesrock, Swing und dem guten alten Folk. Dazwischen die rockigen Nummern „Pay in Blood“ und „Love Sick“, dann wieder ruhiger: „Waiting for you“ und „Simple Twist of Fate“. Sehr melodisch, sehr verspielt.

Das Publikum ist zufrieden, es weiß zwar nie was kommt, aber das was kommt, ist überzeugend. Lauter Jubel dann, als die ersten Akkorde von „Tangled up in Blue“ erklingen, da gewinnt sie kurz überhand, die Lust auf Bekanntes. Die Menge trägt den Meister mit lautstarker Zustimmung durch diesen Hit, der gar nicht so weit vom Original entfernt ist, wie man es von Dylan gewohnt ist. Der steht meist breitbeinig auf der Bühne, in seinem weit geschnittenen schwarzen Anzug und breitkrempigen Farmer-Hut. Keine unnötige Geste, kein Schritt zuviel, nur der immer gleiche Weg, die drei, vier Meter zwischen Mikrofon und Piano. Manchmal wippt der ganze Dylan im Takt mit, leicht vornüber gebeugt, meistens aber wippt nur der linke Fuß. Der Mann ist lässig, keine Frage, wahrscheinlich der lässigste 73-Jährige der Welt.

Dylan macht nichts, was er nicht mag. Und er braucht nicht viel. Während andere Senioren, die Rolling Stones zum Beispiel, ganze Städte mit ihren gigantischen Bühnenshows illuminieren, reichen Dylan auf der Bühne ein paar Scheinwerfer und ein schlichter Vorhang, auf den dann und wann Lichtmuster geworfen werden. Mehr nicht. Doch, eines noch: Dylan mag offensichtlich keine Fotos. Fotografieren ist während des Konzerts verboten, keine Ausnahme. Dabei sind alle sechs Bandmitglieder durchaus vorzeigbar, keine optischen Ausfälle, ehrlich.

Und akustisch überzeugen sie ohnehin. Nach „Long and wasted years“ gehen Meister und Musiker von der Bühne, um mit „All along the watchtower“ für die Zugaben zurückzukehren. Der Abend wird dann mit dem Lied beendet, das Dylans Karriere wie kein anderes beförderte, und das er wohl schon Tausende Male gespielt hat: „Blowin’ in the wind“. Hier bringt der große alte Mann des klugen Pops noch einmal alles durcheinander, mit einem herrlich verdrehten Gesang.

Ein letzter Gruß gegen die Hörgewohnheiten, dann verlässt er die Bühne und verschwindet dorthin, wo er hergekommen ist – in das Dunkel hinter dem Vorhang.

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