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Web-Gesellschaft : Bloggen und auffallen: Die US-Generation "Millennials"

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Als sie gerade das Teenager-Alter erreicht hatte, sah Tavi Gevinson schon aus wie eine Großmutter. Absichtlich.

Die Haare grau-blau gefärbt und mit aufgemalten Falten unter den - hinter dicken Brillengläsern versteckten - Augen versank das zierliche junge Mädchen fast in ihren sackartigen Jacken.

"Ich mag deine Haarfarbe", sagte Star-Designer Karl Lagerfeld zu ihr, als er die damals 14-Jährige 2010 bei einer Modenschau in Paris traf. "Normalerweise haben Kinder, also junge Menschen, nicht so eine Haarfarbe." Gevinson bedankte sich artig. "Oh, danke, das sehe ich auch so."

Ein kurzer Plausch hinter den Kulissen der Haute-Couture-Schauen mit Star-Designern wie Lagerfeld ist für die 17 Jahre alte Gevinson nichts Ungewöhnliches. Seit sie elf ist, schreibt die Schülerin aus der Kleinstadt Oak Park im US-Bundesstaat Illinois einen Mode-Blog mit Zehntausenden Lesern und reist für Modenschauen um die Welt.

Gevinson ist außergewöhnlich erfolgreich, aber was sie macht, ist recht normal für ihre Generation, die in den USA als "Millennials" bezeichnet wird: Zwischen 1980 und 2000 geboren, mit Computern und Handys aufgewachsen (durchschnittlich verschicken und bekommen sie 88 SMS am Tag) und vergleichsweise wenig Interesse an Religion, Politik oder Jobs mit viel Verantwortung, dafür vergleichsweise viel Interesse an sich selbst und digitaler Selbstverwirklichung. So steht es zumindest in den Statistiken unter anderem der US-Gesundheitsbehörde und verschiedener Wissenschaftsinstitute. Mit rund 80 Millionen Menschen gibt es ungefähr so viele Millennials wie Deutsche. Sie bilden die größte Generation aller Zeiten in den USA, wie das Nachrichtenmagazin «Time» vorrechnete.

Als «Ich Ich Ich-Generation» beschrieb "Time" sie jüngst in einer viel diskutierten Titelgeschichte und spekulierte offen darüber, ob diese narzisstischen jungen Leute "das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen" herbeibringen oder «uns alle retten» werden.

Millennials "fehlt es an Empathie, die es ihnen erlauben würde, Mitgefühl für andere Menschen zu entwickeln, und sie haben Probleme damit, die Argumente anderer Menschen intellektuell zu verstehen», schrieb das "Time"-Magazin. "Was sie aber können, ist sich selbst in Marken zu verwandeln." Per Twitter, Facebook und Blog sammeln schon Teenager tausende Fans. Außergewöhnliches Talent braucht es dafür nicht - Mode-Bloggerin Gevinson schaffte es beispielsweise mit kurzen amüsanten Texten, der kalifornische Teenager Sarah mit dem Spitznamen "Stalker Sarah" mit dutzenden Fotos, die das Mädchen gemeinsam mit Stars zeigen, und Brent Rivera, ein braunhaariger kalifornischer Teenager, dessen Aussehen an Justin Bieber erinnert, einfach nur mit Fotos von sich selbst in allen Lebenssituationen.

Aber all das zeigt auch eine andere Seite der Millennials: Sie sind liebenswert, optimistisch und pragmatisch. «Ihr positives Denken hat mich wirklich überrascht», sagt Shane Smith, Internet-Unternehmer und Chef des "Vice"-Magazins. Und auch das in den USA sehr bekannte Fernseh-Moderatorenurgestein Tom Brokaw lobt die Millennials. "Ihr großes Mantra ist es, die Konventionen anzugreifen. Neue und bessere Wege zu finden, die Dinge zu machen."

Aus der digitalen Welt, mit der sie aufgewachsen sind, holen viele Millennials das beste heraus - was für einige trotz winzigem Startkapital großen Reichtum zur Folge hatte. Auch Facebook-Gründer und Milliardär Mark Zuckerberg - geboren 1984 - ist schließlich Teil dieser Generation.

Von so viel Erfolg ist Mode-Bloggerin Gevinson noch weit entfernt. Gerade hat sie ein neues Projekt angepackt, eine Online-Zeitschrift namens "Rookie Magazine». Teenager feiern die 17-Jährige, auf deren Großmutter-Phase schon wieder dutzende andere Mode-Ideen gefolgt sind, als Style-Ikone, die "New York Times" kürte sie zum «Orakel der Mädchen-Welt" und selbst Designerin Miuccia Prada zeigte sich "beeindruckt". "Sie ist so jung und deswegen ist ihre Mix-Vision von alter und zeitgenössischer Mode so interessant und unerwartet."

Aber Gevinson will erstmal studieren - und denkt schon jetzt darüber nach, was werden könnte, wenn der Erfolg mal wegbleibt. Denn der basiert ja vor allem auch darauf, dass sie so jung ist. "Das ist eine meiner Sorgen. Dass ich nicht mehr relevant sein könnte und nicht mehr so Sachen machen könnte, wie zur Fashion Week gehen", erzählte sie dem "New Yorker". "Aber dann schaue ich eben die Livestreams. Das wichtigste ist die Mode"

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erstellt am 10.Sep.2013 | 16:29 Uhr

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