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Kultur

23. September 2017 | 09:32 Uhr

Bilder vom Ausnahmezustand

vom

Traurige Aktualität: Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt Revolution in Ägypten mit Fotos und Videos nichtstaatlicher Medien

shz.de von
erstellt am 16.Aug.2013 | 03:09 Uhr

Hamburg | Symbolisierte Medienmacht: Für viele Ägypter ist das wuchtige Hochhaus der Zentrale des staatlichen ägyptischen Rundfunks und Fernsehens ERTU mit seinen unzähligen Antennen und Satellitenschüsseln das Symbol politischer Ohnmacht schlechthin. Egal, ob unter Mubarak, Mursi oder den aktuellen Machthabern: Von hier aus wird stets die offiziöse Sichtweise der jeweiligen Regierung verbreitet. Regierungskritische Sendungen, eine Pluralität der Meinungen, wie sie viele der jungen und internet affinen Ägypter aus westlichen Medien kennen, existiert nicht.

Eine wandfüllende Fotografie der Rundfunkzentrale steht auch im Zentrum der hochbrisanten Ausstellung "Kairo. Neue Bilder einer andauernden Revolution" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG). Die ursprünglich vom Museum für Photographie in Braunschweig entwickelte Schau ist angesichts der Dynamik der Ereignisse für Hamburg vollkommen aktualisiert worden. "Die Tagespresse liefert uns täglich neue Steilvorlagen für diese Ausstellung", sagt auch Esther Ruelfs, die Fotokuratorin am MKG. Sie begreift die Schau als experimentelles, sich stets erneuerndes Projekt, das zeigt, wie sich kritische Bürger mit Hilfe der neuen Medien wie Smartphone, Internet, Twitter oder Flickr die Deutungshoheit über die fortlaufenden politischen, religiösen und sozialen Umwälzungen zurückerobern.

Dominierend in dieser Ausstellung sind eben weder die offiziellen Bilder des Staatsfernsehens noch die oftmals distanziert und überinszeniert wirkenden Pressefotos der westlichen Medien, sondern die viel unmittelbareren, in den Massenmedien allerdings selten gezeigten oder publizierten bildjournalistischen Aufnahmen von insgesamt 62 unabhängigen Bildproduzenten. Darunter finden sich professionelle Fotografen und Filmemacher ebenso wie bildende Künstler, Aktivisten, Blogger und "Bürgerjournalisten", aber auch vollkommen unbekannte Amateure, die lediglich über einen eigenen Fotostream im Internet verfügen.

Kuratiert wurden die einzelnen Kapitel der Schau von bekannten Pro tagonisten der Kairoer Kunstszene. Nicht das einzelne, womöglich perfekt durchchoreographierte Pressefoto steht hier im Vordergrund sondern die Flut unzähliger, aus unmittelbarer Teilhabe und Zeugenschaft entstandener Aufnahmen. Am Ende des Parcours, vorbei an ebenso beeindruckenden wie verstörenden Fotografien und Videos, den Titelseiten internationaler Zeitungen, gesammelten Twittermeldungen, aber auch explizit künstlerischen Arbeiten wie etwa den gezeichneten Gruppenporträts des mittlerweile in Leipzig lebenden Ahmed Kamel, gelangt man an den Schlusspunkt der Schau. Hier hängt ein großer Flatscreen-Fernseher an der Wand. Man könnte ihn einschalten. Der Versuchung aber, das aktuelle Fernsehprogramm voller blutiger Bilder aus dem Kairo dieser Stunden und Tage live in die Ausstellung zu übertragen, haben die Ausstellungsmacher aus Respekt für die Opfer der explodierenden Gewalt widerstanden.

> "Kairo. Neue Bilder einer andauernden Revolution" ist bis zum 17.11. im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, zu sehen.

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