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Anschläge in Paris : Bilder als Waffe: Das Marketing des Terrors

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Handyfotos und -filme aus Paris gehören zum Konzept der Täter, sagt unser Gastautor Gerhard Paul.

Paris | Nun kursieren sie wieder im World Wide Web, in der Presse, im Fernsehen: Bilder der Toten, der Schwerverletzten, der um ihr Leben rennenden Menschen. Aufgenommen von Handys – aus allen Perspektiven: verwackelte Bilder mitten aus dem Gemetzel heraus, gestochen scharfe und herangezoomte Bilder aus den Fenstern und den Bistros von gegenüber während des Geschehens, Bilder unmittelbar nach der Tat von der Bergung der Verletzten und der Toten. Bilder, oft ohne Ton und erläuternden Kommentar. In Sekundenschnelle zirkulieren diese Bilder um den Erdball und tragen die Botschaft der Terroristen in jede Wohnstube und in jeden noch so entlegenen Winkel unserer Welt.

Es sind Bilder der unmittelbar Betroffenen. Bilder der Tatzeugen. Bilder, wie sie den Pressefotografen und den Kameramännern der großen Fernsehsender kaum einmal gelingen. Und wie schon bei den terroristischen Attacken zuvor – denken Sie nur an die Handyfotos aus den Katakomben der Londoner U-Bahn von 2005 – bedienen sich auch die großen Zeitungen und TV-Sender dieser Bilder. Einige verzichten auf die schlimmsten Szenen oder verpixeln die Gesichter der Toten; andere bringen sie unbearbeitet und in Nahaufnahme als vermeintliche Dokumente des Geschehens.

Diejenigen, die diese Bilder zum Teil unter Lebensgefahr aufgenommen haben, stellen sie als Beleg ihrer Augenzeugenschaft und des erlittenen Leids mit gutem Gewissen ins Netz. Sie wollen aller Welt zeigen, was sie gesehen haben. Mitgeteiltes Leid ist oft halbes Leid. Das sind gewiss ehrenwerte und nachvollziehbare Motive.

Objektiv aber sieht das anders aus. Die Bilder vervielfältigen den Terror. Sie betreiben auf ihre Weise das Geschäft der Terroristen. Anders als François Hollande und Papst Franziskus bin ich nicht der Meinung, dass wir uns im Krieg befinden und die Tat von Paris einer Kriegserklärung gleichzusetzen ist. Vielmehr ist es nur eine weitere niederträchtige Tat des islamistischen Terrorismus, der mit seinem Schrecken die westliche Kultur unter Schockstarre setzen oder zu unüberlegten Gegenreaktionen provozieren will. Deshalb bedient er sich seit nunmehr 20 Jahren der Bilder der Tat.

Bilder waren schon beim Angriff auf die Twin Towers 2001 der Zweck der Tat, nicht die Getöteten. Auch in Paris ging es am schwarzen Freitag nicht um die Menschen, die von Handgranaten, Sprengstoffgürteln, Patronen der Kalaschnikows zerfetzt wurden, sondern primär um die Bilder der Tat, die uns, dem globalen Publikum, zeigen sollen, wozu der Terrorismus in der Lage ist – dass er jederzeit und an jedem Ort zuschlagen kann, dass die Regierungen ihre Bürger nicht schützen können. Die Bilder sind die eigentliche Tat. Zugleich verewigen sie diese auf unbestimmte Zeit.

In den modernen Mediengesellschaften sind Bilder seit den Schändungen gelynchter amerikanischer Piloten 1993 in den Straßen von Mogadischu zu einer Waffe geworden, mit denen terroristische Gruppen mit vergleichsweise geringem finanziellem und technischem Aufwand größtmögliche Aufmerksamkeit erzielen. Nach der Veröffentlichung der Bilder aus Mogadishu war US-Präsident Clinton gezwungen, seine Truppen aus Somalia zurückzuziehen. Um größtmögliche Wirkungen zu erzielen, produzieren islamistische Terrorkommandos seit 2003 im Irak oder heute in Syrien entweder selbst Videos von barbarischen Hinrichtungen unschuldiger Menschen, die dann ins Netz gestellt werden, oder vertrauen auf Augenzeugen, die ihre eigenen Fotos und Filme von terroristischen Attacken weltweit verbreiten. Hier wie dort zielen die Bilder auf das Herz und den Verstand der Betrachter, also auf uns. Wir alle sind die Adressaten dieser grausamen Bilder. Der Schock, der die Betrachter ergreift, ist das Motiv der Tat. Die Kameras, die die Bilder aufnehmen, sind die Werkzeuge der Tat – ganz ähnlich wie die Kugeln, die Unschuldige töten. Wer die Bilder zeigt und verbreitet, macht sich gewiss unbeabsichtigt zum Instrument der Täter. Aus Betrachtern werden virtuelle Komplizen.

Es gibt für Medien keinen wirklichen Grund, diese Bilder zu zeigen, und es gibt für uns keinen Grund, uns diese Bilder anzuschauen. Ihr Nachrichtenwert ist marginal. Letztlich emotionalisieren sie nur, wo kühler Kopf gefragt wäre. Ein Bild sagt nicht unbedingt mehr als 1000 Worte, wie dies ein abgedroschenes Zitat von Kurt Tucholsky besagt. Jeder einigermaßen zu Gefühlen fähige Mensch vermag sich vorzustellen, was es heißt, wenn 130 Menschen sterben und sich weitere Dutzende im Todeskampf quälen. Dazu braucht er keine Bilder. Wir können politisch betroffen sein und Solidarität mit den Opfern und ihren Angehörigen üben, ohne diese Bilder zu sehen, ohne zu medialen Schaulustigen zu werden. Wir dürfen das Spiel der Terroristen nicht länger mitmachen. Wir sollten uns dem medialen Aufmerksamkeitsterrorismus entziehen. Das wäre ein erster Schritt, den Terroristen etwas entgegenzusetzen.
 

Unser Gastautor

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Gerhard Paul ist Professor für Geschichte und ihre Didaktik an der Universität Flensburg. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist der Einfluss von Medien in der Geschichte.

 

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erstellt am 17.Nov.2015 | 12:26 Uhr

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