Liebesgeschichte : Bernhard Schlinks neuer Roman «Olga»

Bernhard Schlink 2016 in Barcelona bei einem Interview.
Bernhard Schlink 2016 in Barcelona bei einem Interview.

Eine Frau, die durch alle Schrecken des vorigen Jahrhunderts an ihrer großen Liebe festhält: Bernhard Schlink, Autor des «Vorlesers», hat einen neuen Roman geschrieben.

shz.de von
16. Januar 2018, 14:18 Uhr

Mag einer sich nach einem Sensationshit wie dem Weltbestseller «Der Vorleser» überhaupt noch ans Schreiben setzen? Der Berliner Jurist und Schriftsteller Bernhard Schlink (73) lässt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten vom Erfolgsdruck nicht kirre machen und bringt zur Freude seiner Fangemeinde alle paar Jahre ein neues Buch heraus.

In seinem jüngsten Roman «Olga» beweist sich der Autor mehr als seit langem als brillanter Erzähler einer berührenden, süffig geschriebenen Liebesgeschichte - auch wenn es ein bisschen viel moralischen Zeigefinger und ein bisschen wenig historischen Tiefgang gibt. Sensible Seelen sollten sich vorsichtshalber einen Packen Taschentücher bereitlegen.

«Sie macht keine Mühe, am liebsten steht sie und schaut.» Mit diesem einfachen Satz beginnt der Roman, die Schilderung von Hauptfigur Olga, die - als Kind früh verwaist - Ende des 19. Jahrhunderts ungeliebt bei der Großmutter in Pommern aufwächst. Gegen alle Widerstände erkämpft sie sich eine Ausbildung als Lehrerin und lebt, ihrer Zeit weit voraus, ein selbstbestimmtes Frauenleben.

Ihre Liebe zu dem ebenso einsamen Nachbarsjungen Herbert bleibt zeitlebens eine Sehnsuchtsbeziehung. Herberts Eltern lehnen als reiche Gutsherren die Liaison mit dem armen Dorfmädchen ab. Und der Geliebte selbst flüchtet zunächst mit kruden Ideen von Macht und Größe in den Kolonialkrieg in Afrika, später will er in einer waghalsigen Aktion die Arktis für Deutschland erobern. 

Mehr mag man von der Geschichte kaum erzählen. Denn sie gewinnt ihre eigentliche Kraft aus ihrer raffinierten Konstruktion und aus überraschend neuen Wendungen. Die Idee für seine «Olga», so lässt Schlink an einer Stelle durchblicken, gab ihm eine Frau, die nach dem Krieg immer wieder als Näherin in den Professorenhaushalt seiner Familie in Heidelberg kam.

Da ist sie also wieder, die ältere, erfahrene Frau mit dem jungen wissbegierigen Mann, die schon das Erfolgsrezept für den «Vorleser» war - von Kate Winslet im gleichnamigen Film oscarprämiert gespielt. Zwar fehlt diesmal die erotische Komponente, dennoch darf auch Olga die schrecklichsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts auf sträflich einfache Formeln bringen. Der Völkermord an den Herero, der Erste Weltkrieg und die Nazizeit, all das ist ihr schlicht und unterschiedslos der Ausdruck deutscher Großmannssucht. 

Den Vorwurf der allzu großen Vereinfachung hat Schlink allerdings schon beim «Vorleser» gelassen genommen. «Es ist eben, was mich freut, nicht nur ein Buch für Intellektuelle», sagte er damals. Jetzt erläutert er in einem Interview des Diogenes Verlags: «Nichts kommt im Roman einfach so vor, wie es damals war. Aber was damals war, ist Material, Anregung fürs Schreiben.»

Ein wahres historisches Vorbild hat der Geliebte Herbert. Hinter ihm verbirgt sich der deutsche Offizier und Abenteurer Herbert Schröder-Stranz, der 1912 im Spitzbergen-Archipel verschollen ist. Der forsche Draufgänger erinnert als Gegenentwurf an den bedächtigen Polarforscher John Franklin aus Sten Nadolnys Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit». 

Und dennoch: Allein um der Liebesbriefe willen, die Olga dem Geliebten postlagernd ins nördlichste Norwegen nachsendet, lohnt die Lektüre des 300-Seiten-Romans. Sie geben ihrer Figur dann doch noch Tiefe und Nachdenklichkeit. Da geht es, fast poetisch, immer wieder um die existenzielle Frage, was Liebe erwarten, was sie fordern darf.

«Ich halte Dich nicht fest», schreibt Olga schließlich. «Ich weiß, dass Du aufbrechen musst. Ich vermisse Dich nur.» 

Bernhard Schlink, Olga, Diogenes Verlag Zürich 2018, 320 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-257-07015-6

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