Zweiter Tag in Bayreuth : Bayreuther «Parsifal» wird immer politischer

Jede Menge Kreuze: Derek Welton als Klingsor im Bayreuther «Parifal». /Festspiele Bayreuth
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Jede Menge Kreuze: Derek Welton als Klingsor im Bayreuther «Parifal». /Festspiele Bayreuth

Unpolitisch ging es los, hochpolitisch ging es weiter: Der zweite Tag der Bayreuther Festspiele stand im Zeichen des «Parsifal». Und der wird immer brisanter - ganz ohne Zutun von Regisseur Uwe Eric Laufenberg.

shz.de von
27. Juli 2018, 10:12 Uhr

Uwe Eric Laufenberg war der wohl erste Regisseur auf dem Grünen Hügel von Bayreuth, dessen Inszenierung eingezäunt wurde. Als im Jahr 2016 seine Neuinterpretation von Richard Wagners letzter Oper «Parsifal» Premiere feierte, machte das verschärfte Sicherheitskonzept bei den Wagner-Festspielen Schlagzeilen: Anti-Terror-Zaun, bewaffnete Polizisten.

Damals hatte es einen Tag vor Festspiel-Start im rund anderthalb Stunden von Bayreuth entfernten Ansbach den ersten islamistischen Selbstmordanschlag in Deutschland gegeben. Kurz vorher war auch der Amoklauf in einem Münchner Einkaufszentrum gewesen. Und in einem Zug bei Würzburg waren chinesische Touristen von einem Islamisten mit einer Axt attackiert worden. Angst überall.

Im Jahr drei für Laufenbergs «Parsifal» sind Zaun und Polizisten längst Routine. Doch das, was auf der Bühne passiert, ist vielleicht noch politischer als bei der Erstaufführung. Denn seither schockte der LKW-Anschlag an der Berliner Gedächtniskirche, die AfD sitzt im Bundestag, Innenminister Horst Seehofer betonte, der Islam gehöre nicht zu Deutschland und sein Nachfolger als Bayerns Ministerpräsident, Markus Söder (CSU), verordnete staatlichen Behörden Kreuze.

Passenderweise wird Christus im ersten Akt des Bayreuther «Parsifal» ans Kreuz gehängt, wieder abgenommen und verhüllt - je nach Bedarf. Flüchtlinge, die auf Feldbetten Kirchenasyl gefunden haben, müssen gehen, damit die Christen in der Gralskirche ihre religiösen Riten ungestört zelebrieren können. Die Kirche befindet sich in einem Kriegsgebiet im Nahen Osten.

Regisseur Laufenberg sagt im Interview im aktuellen Programmheft, dass es «völlig dumm ist, religiöse Symbole, die so verschieden und politikfremd aufgeladen sind, für politische Zwecke zu missbrauchen». Der Regisseur empfiehlt Söder, die «Parsifal»-Inszenierung anzuschauen und das Kreuz «mit anderen religiösen Symbolen im Alltag eine Weile ruhen zu lassen, um uns auf humane Politik konzentrieren zu können». Damit ist die Grundausrichtung der Inszenierung gut auf den Punkt gebracht. Tenor: Echte Harmonie und Frieden gibt es nur ohne Religion.

So ist die Kirche im dritten Aufzug eine Ruine. Dahinter kommt das Paradies zum Vorschein, nackte Evas duschen unter tropischem Wasserfall. Nur die Überreste dieser Kirche trüben den Blick auf den Garten Eden. Es ist vor allem diese Szene, die Laufenbergs Kritiker zu kitschig finden.

Noch deutlicher wird die Inszenierung in der berühmten Erlösungsszene: Muslime, Juden und Christen beerdigen ihre religiös (und politisch) aufgeladenen Symbole und bewegen sich langsam und vor allem zusammen in Richtung eines gleißenden Lichts. Gemeinsame Erleuchtung ohne Religion.

Laufenberg hat seit der ersten Aufführung an seiner Arbeit gefeilt. So ist die über der Bühne thronende Gestalt ein kleiner Junge. Dieser hält etwas, das an einen Bischofsstab erinnert, der ihm zu groß ist. Dass die Inszenierung in den vergangenen Jahren an Brisanz gewonnen hat, liegt aber wohl eher in den äußeren Umständen als veränderten Details begründet.

Dennoch kommt Laufenbergs streckenweise gleichermaßen plakative wie langatmige Interpretation in ihrem dritten Jahr beim Publikum nicht mehr ganz so gut an wie bei der Premiere. Der Regisseur muss am Donnerstagabend einige Buhs einstecken.

Einhellige Begeisterung dagegen für die Musik: Thomas J. Mayer als Amfortas, Elena Pankratova als Kundry und Günther Groissböck als Gurnemanz werden begeistert gefeiert. Er muss sich nicht verstecken hinter dem Weltklasse-Bass Georg Zeppenfeld, dessen Gurnemanz-Erzählung Publikum und Kritiker bei der Premiere gleichermaßen verzückte.

Übertroffen wird dieser Jubel nur noch von dem für Andreas Schager, einen sehr kraftvollen «Parsifal». Einige Zuschauer stehen sogar für ihn auf - ebenso für den Dirigenten Semyon Bychkov. Für den designierten Musikdirektor der Tschechischen Philharmonie ist dieser «Parsifal» sein Bayreuth-Debüt. Etwas über vier Stunden und zehn Minuten braucht er dafür - ohne Pausen - und damit ein wenig länger als Hartmut Haenchen bei der Eröffnungspremiere 2016.

Söder zeigt sich übrigens nicht beim «Parsifal«, nachdem er den unpolitischen, blauen Märchen-«Lohengrin» von Regisseur Yuval Sharon am Vortag noch als das Beste gelobt hatte, was in Bayreuth seit langem auf die Bühne gekommen ist. Dafür ist Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wieder da. Trug sie beim Eröffnungsspektakel noch Grün, wechselt sie am Tag danach in ein oranges Ensemble. Die gleiche Farbe trug Anja Harteros am Mittwochabend als Elsa im letzten «Lohengrin»-Akt, um zu zeigen: Ich lasse mich nicht von einem Mann herumkommandieren.

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