"Bartsch, Kindermörder" in Lübeck

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23. Januar 2012, 03:59 Uhr

Lübeck | "Bartsch, Kindermörder": Kaum eine andere Inszenierung des Lübecker Theaters packt ihr Publikum mit solch einer Intensität. Am Sonnabend hatte das Stück von Oliver Reese in der Inszenierung von Katrin Lindner im Studio Premiere. Will Workman als einziger Darsteller zeigte 100 Minuten lang eine schauspielerische Meisterleistung.

Was gibt es über Jürgen Bartsch zu sagen, außer, dass der Metzgergeselle zwischen 1962 und 1966 vier Jungen auf unvorstellbar grausame Weise quälte, missbrauchte, tötete. Gerade mal 15 Jahre war er bei seiner ersten Tat alt, 19 bei seiner letzten. Als "Bestie von Langenberg" ging Bartsch in die Geschichte ein, eine Umfrage stempelte ihn Ende der 1960er Jahre zum zweitschlimmsten Verbrecher des Jahrhunderts, gleich hinter Hitler und noch vor Stalin, Haarmann, Eichmann, Himmler.

Gertrud und Gerhard Bartsch, die den Waisen im Alter von elf Monaten zu sich nahmen und später adoptierten, galt das sensationslüsterne Mitgefühl der Öffentlichkeit. Zu sagen gab es indessen schon damals, dass es im Haushalt des wohlhabenden Fleischer-Ehepaares Bartsch selbst für das damalige Erziehungs-Verständnis unbarmherzig und gefühlskalt zuging.

Gerhard Bartsch, ein ehemaliger Offizier, kommandierte, Gertrud Bartsch lebte prügelnd und demütigend ihren Putz- und Kontrollwahn an ihrem Adoptivkind aus. Mit zehn Jahren gab ihn das beruflich eingespannte Ehepaar in Heimobhut. Da wurde wieder nieder gemacht, geprügelt. Und obendrein sexuell missbraucht.

Eine erbärmliche Kindheit, die dennoch nicht einmal für den Täter als Entschuldigung für die späteren Morde verfing. Wohl aber ist sie eine mögliche Erklärung. Katrin Lindner orientiert sich dabei an den - umstrittenen - Thesen der Psychoanalytikerin Alice Miller (in jedem Ungeheuer ist "die logische Folge seiner Kindheit" zu erblicken), die sich 1983 in mit ihrem Buch "Am Anfang war Erziehung" den möglichen Folgen so genannter schwarzer Pädagogik näherte. Ihre Beispiele: Hitler, Christiane F. und Bartsch.

Als logische Folge der Inszenierung verschwindet Workman am Ende in einem gigantischen Teddybären. Jürgen Bartsch selbst, 1967 zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt, beantragte 1976 eine Kastration und starb an der Narkose.

"Eine Selbstdarstellung mit Texten aus den Briefen Jürgen Bartsch an Paul Moor" heißt das Stück von Reese im Untertitel. Paul Moor, ein US-amerikanischer Journalist, war einer der wenigen, die schon im pädagogischen Entwicklungsland Bundesrepublik nach einer möglichen Kausalität zwischen Kindheitserlebnissen und Taten fragte. Die Klassifikation des Täters als Bestie jenseits normalen menschlichen Empfindens hat sich dennoch bis heute gehalten.

Intelligent, reflektiert, sensibel, kommunikativ - so ist der Bartsch, der in Lübeck auf die Bühne kommt. Workman beschreitet mit seiner Darstellung einen schmalen Grat, aber er geht ihn traumwandlerisch sicher. Und immer, wenn gerade Verstehen aufflackern will, konfrontiert er die Zuschauer mit dem Abgrund, der die Kindermorde möglich machte.

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