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Wo ist man zu Hause? : Autor Dany Laferrière: Identität ist ein Modewort

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Migration und Exil bewegen französischsprachige Autoren auf der Buchmesse in Frankfurt. Dany Laferrière, Haitianer und Mitglied der ehrwürdigen Académie française, vertritt besondere Ansichten.

shz.de von
erstellt am 07.Okt.2017 | 10:00 Uhr

Mit zahlreichen politischen Themen tritt Frankreich auf der Frankfurter Buchmesse auf. Das Gastland reist mit Autoren aus dem frankophonen Sprachraum an. Dany Laferrière (64) gehört zu den bekanntesten.

Der Haitianer lebt in Montreal, New York, Miami und Paris. Er gehört zu den «Unsterblichen» der Académie française, der höchsten Instanz der französischen Sprache. In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur in Paris sprach er über Exil und Identität.

Frage: Sie sind 1976 vor dem Diktator Jean-Claude Duvalier nach Montreal geflohen. Den Begriff Exilautor lehnen Sie jedoch ab. Warum?

Antwort: Ich habe lange über den Begriff Exil nachgedacht und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass der Begriff auf Diktatoren zutrifft. Diktatoren leben im Exil, leben verschanzt hinter den Mauern ihrer Paläste, abgeschottet von Land und Volk.

Frage: Sie sind als Journalist aber vor der Diktatur geflohen?

Antwort: Selbst wenn ich vor einem Diktator geflohen bin, ist das Exil für mich kein Drama. Als ich vor mehr als 30 Jahren nach Montreal kam, war ich 23 Jahre alt. Ich habe eine Stadt entdeckt, in der die Nacht mir gehörte, in der man denken und sagen durfte, was man wollte. Ich gehöre nicht zu den Autoren, die klagen. 

Frage: Sie leben zwischen mehreren Welten. Sie schreiben auf Französisch, leben häufig im angelsächsischen Sprachraum und haben die haitianische Staatsangehörigkeit. Mit welcher Identität haben Sie sich arrangiert?

Antwort: Identität ist ein Begriff, der sehr inflationär gebraucht wird. Er ist zu einer Modeerscheinung geworden. Egal, was wir auch machen, es ist zu einer Frage der Identität geworden. Die Identität ist angeboren. Sie ist das einzige, mit dem wir leben und um das wir uns nicht kümmern müssen.

Frage: In Frankfurt wird die französische Sprache gefeiert, die von rund 220 Millionen Menschen gesprochen wird. Spielt die Sprache für Sie keine identitätsstiftende Rolle?  

Antwort: Es kommt nicht darauf an, welche Sprache man spricht, sondern darauf, was man mit der Sprache macht und wie man mit ihr umgeht.

Frage: Sie sind in Haiti geboren, leben in Montreal, Miami, New York und Paris. Wo sind Sie zu Hause?

Antwort: Die ganze Literatur des 19. Jahrhunderts hat sich mit der Frage nach dem «Zuhause» befasst. Das ist ein komplexes Thema. Ich fühle mich zum Beispiel in den Cafés in Paris zu Hause. Vielleicht deshalb, weil ich mit Haiti ein zu schmerzhaftes Zuhause hatte und mich von dieser emotionalen Masse befreit habe.

ZUR PERSON: Dany Laferrière wurde 1953 in Port-au-Prince, Haiti, geboren. Seine mehr als 30 Werke haben stark autobiografische Züge. Für «Das Rätsel der Rückkehr» erhielt er 2014 in Berlin den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt. Im Jahr 2013 wurde er auf Lebenszeit in die «Académie française» gewählt. Seit der Gründung der Sprachinstanz im Jahr 1635 ist er das zweite Mitglied ohne französische Staatsangehörigkeit.

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