Theater mal anders : Aufstand in der totalen Finsternis

Ort des dunklen Theater-Geschehens:  Der Flandernbunker  am Kieler Hindenburgufer. Fotos: Michael Staudt
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Ort des dunklen Theater-Geschehens: Der Flandernbunker am Kieler Hindenburgufer. Fotos: Michael Staudt

Der Kieler Matrosenaufstand vom November 1918 ist Thema des Stückes der Berliner Theatergruppe "Limited Blindness" im Flandernbunker. Das Besondere: Der Theaterraum ist dunkel.

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07. September 2008, 07:04 Uhr

Kiel | Ein paar Schritte nur, dann ist die völlige Dunkelheit da. Schwarz, undurchdringlich und konturlos. Mitten im Kieler Flandernbunker liegt dieser Ort der Finsternis. Während in die übrigen Räume des groben Steinbaus durch große Fenster taghelles Licht fällt, ist in diesem einen Zimmer nichts, nicht einmal die Hand direkt vor den Augen, zu erkennen. Der Sinn dieser Dunkelkammer wird von zwei jungen Herren erklärt, die engagiert und sprachgewaltig das Projekt vorstellen: "Limited Blindness" heißt ihre Theatergruppe. Es geht um den Kieler Matrosenaufstand von 1918 und hinter dem Thema stehen Regisseur Heiko Michels - ein gebürtiger Kieler - und Dramaturg Fabian Larsson.
Man habe die eigentliche Richtung des Theaters verlassen, sagt Michels: "Das ist vom Visuellen geprägt, alle Augen sehen in eine Richtung." Genau diese Richtung will "Limited Blindness" aufheben, den anderen Sinnen die Wahrnehmung der Handlung überlassen. Der Matrosenaufstand ist für die beiden Macher vor allem ein Thema, das mit Energie zusammenhängt, eine Energie, "die durch Unzufriedenheit gewachsen ist und die Leute dazu gebracht hat, aufzustehen und die eigenen Bedürfnisse zu artikulieren", sagt Larsson.
Die Zuschauer müssen keine größeren Unfälle befürchten
Nur wie transportiert man diese Energie, gerade wenn der freiwillige Verzicht auf jegliche optischen Reize die Möglichkeiten der Darstellung einschränkt? Unterschiedliche Rhythmen sollen die Geschichte tragen, die sich in verschiedenen Erzählformen und Musik darstellt. Der Rhythmus steht für Ordnung, für das Marschieren und die Disziplin, das Aufbrechen dieses Stakkatos für die langsam tröpfelnden Gedanken an eine Revolte. Die Geschichte wird von vier Schauspielern erzählt; sie agieren im gesamten Raum, ein Akkordeonspieler und der Kieler Opernsänger Hans-Georg Arens tragen ihren musikalischen Teil zur Atmosphäre bei. Auch für die Protagonisten des Stücks keine leichte Aufgabe, schließlich mussten sie sich zunächst an die Finsternis gewöhnen. "Gerade zu Beginn war oft der Text weg, wegen der Konzentration auf die Dunkelheit." Nach zwei Wochen Probe konnte sich das Ensemble dann aber auch ohne visuelle Fixpunkte orientieren.
Die Zuschauer müssen also keine größeren Unfälle befürchten - auch auf dem Weg zu den Plätzen nicht, denn drei "Dunkel-Guides" vom Blinden- und Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein führen jeden einzelnen Gast zu seinem Platz. Und: Es gebe keine großen Schreckmomente, versichern beide: "Wir sind schließlich keine Geisterbahn."

Aufführungen: Heute, 11., 12. und 13. September sowie am 9. November jeweils um 20 Uhr. Kartenreservierung beim Verein Mahnmal Kilian unter 0431/2606309.

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