Astrid Lindgrens heimliche Brieffreundin

shz.de von
09. Juli 2013, 03:59 Uhr

Stockholm | "Willst du mich glücklich machen?" - Dieser Satz, mehr Flehen als Frage, leitet eine ungewöhnliche Brieffreundschaft ein: Die zwölfjährige Schwedin Sara Ljungcrantz richtet ihn Anfang der 70er Jahre an die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren. Denn Sara will unbedingt Schauspielerin werden und erhofft sich Unterstützung.

Die Schriftstellerin, die es sonst bei einem einzigen, kurzen Brief an ihre Fans belässt, antwortet - und sie schreibt Sara immer wieder. In 30 Jahren kommen über 80 Briefe zusammen. "Deine Briefe lege ich unter die Matratze" ist der Titel der unredigierten Sammlung, die in Schweden als Buch erschienen ist.

Blickt Sara - heute heißt sie Schwardt und ist 55 Jahre alt - zurück, dann empfindet sie vor allem Wehmut und Dankbarkeit: "Astrid hat mir, dem Teenager, Respekt gezeigt und sie hat mir Mut gemacht".

Säckeweise bekam Astrid Lindgren (1907-2002) Post von Kindern und Erwachsenen. 75 000 Briefe gingen nach ihrem Tod in den Besitz der Königlichen Bibliothek über. Hier wurde Lena Törn qvist, Verantwortliche für das Astrid-Lindgren-Archiv, auf Saras Briefe aufmerksam und schlug vor, die Korrespondenz zu veröffentlichen.

Doch Sara Schwardt zögerte. Da war das beiderseitige Versprechen, die Briefe niemandem zu zeigen. Da war die Scham, all das preiszugeben, was man aus Erwachsenenperspektive als peinlich empfindet. Aber da war auch das Bewusstsein, Leser mit einer Seite von Astrid Lindgren bekanntmachen zu können, von der sonst niemand wusste. "Sie hat mir, einem fremden Menschen, ziemlich viel anvertraut", erzählt Sara Schwardt, die zurzeit für Lesungen von ihrer Stelle als Putzfrau im Krankenhaus von Borås dienstbefreit ist.

Alles beginnt mit Saras erstem Brief vom 14. April 1971. Sara holt zu einem verbalen Rundumschlag aus und lässt ihrer Kritik an Lindgren-Filmen wie Pippi Langstrumpf freien Lauf. Astrid Lindgrens Reaktion auf die wenig diplomatischen Äußerungen bleibt nicht aus. Sie ist derart deutlich, dass Sara, die sich unendlich schämt, den Brief in kleinen Schnipseln die Toilette hinunterspült und eine Entschuldigung formuliert. In den folgenden Briefen begegnet Astrid Lindgren einer anderen Sara.

"Sara, meine Sara", antwortet die Schriftstellerin, zeigt sich beeindruckt von der erwachsenen Wortwahl des Mädchens, liest zwischen den Zeilen, geht auf Saras Probleme detailliert ein.

"Deine Briefe lege ich unter die Matratze" ist im schwedischen Verlag Salikon erschienen. Die Sprecherin des Verlags und Enkelin Astrid Lindgrens, Annika Lindgren, teilte mit, dass über eine Veröffentlichung in Deutschland derzeit verhandelt wird. Sara Schwardt und Astrid Lindgren haben sich übrigens nie persönlich getroffen.

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