Austritte und demografische Entwicklung Nordkirche laufen die Mitglieder weg

Von epd | 23.06.2015, 06:30 Uhr

Der Mitgliederschwund ist enorm: In einem Jahr verzeichnete die Kirche einen Verlust von fast 48.000 Mitgliedern. Eine Ursache für die Austrittswelle ist die demografische Entwicklung.

Die Nordkirche hat im vergangenen Jahr den größten Mitgliederverlust seit Jahren hinnehmen müssen. Ende 2014 zählte die evangelische Kirche in Schleswig-Holstein, Hamburg, und Mecklenburg-Vorpommern 2,146 Millionen Mitglieder. Ein Jahr zuvor waren es noch 2,193 Millionen. Unterm Strich sind es genau 47.481 Menschen weniger. Dies geht aus einer amtlichen Statistik hervor. Offen ist noch, wie hoch der Anteil der Kirchenaustritte am Mitgliederverlust ist. Die Austrittszahl soll erst im Juli veröffentlicht werden.

Insgesamt war damit der Mitgliederverlust im vergangenen Jahr um fast 10.000 Menschen höher als ein Jahr zuvor. Ende 2013 zählte die Kirche knapp 2,194 Millionen Protestanten, ein Jahr zuvor waren es 2,231 Millionen. Das bedeutete ein Minus von 37.547 Christen. Darunter wiederum waren 23.970 Kirchenaustritte. Der restliche Mitgliederverlust resultierte aus der Bevölkerungsentwicklung: Es sterben deutlich mehr Kirchenmitglieder als Kinder getauft werden.

Im Minus von 2014 in Höhe von 47.481 Kirchenmitgliedern dürfte die Zahl der Kirchenaustritte eine erhebliche Rolle spielen. Die Statistik aus dem Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein gibt hier einen deutlichen Hinweis: Im vergangenen Jahr kehrten allein hier 5305 evangelische Christen ihrer Kirche den Rücken, ein Jahr zuvor waren es 3676.

Als Grund vermuten Experten die veränderte Erhebung der Kirchensteuer auf Kapitalerträge ab 1. Januar 2015. Danach wird die Steuer auf Kapitalerträge automatisch von den Banken an den Fiskus weitergeleitet. Obwohl das keine erhöhte Kirchensteuer bedeutet, wird davon ausgegangen, dass dies missverstanden wurde. Bereits Mitte Januar hatte Kirchensprecher Frank Zabel erhöhte Austritte befürchtet.

Allein die ehemalige nordelbische Kirche in Hamburg und Schleswig-Holstein hatte bereits deutliche Mitgliederverluste verkraften müssen. 1977 hatte sie noch 3,2 Millionen Mitglieder, im Jahr 2001 waren es eine Million weniger.

<hr></hr>

Die Kirche muss die Prioritäten ändern

Ein Kommentar von Benjamin Lassiwe

Sie schrumpft und schrumpft. Die Nordkirche verliert Jahr für Jahr Mitglieder, und ein Ende ist nicht absehbar. Schuld daran, so sagen es die Kirchenvertreter, ist die demografische Entwicklung. Es sterben mehr Menschen als in die Kirche aufgenommen werden.

Dass allerdings vielerorts mehr Menschen aus der Kirche austreten, als getauft werden und selbst langjährige Sänger eines Kirchenchores der örtlichen Gemeinde nicht mehr beitreten – das sind Parameter, die die Kirche durchaus ändern kann. Vorausgesetzt, sie will sie ändern. Und da hat die Nordkirche noch einen langen Weg vor sich. Denn die schrumpfenden Mitgliederzahlen sind längst nicht allen in der Landeskirche als existenzgefährdendes Problem bewusst. Man hat sich eher daran gewöhnt, dass man immer kleiner wird. Will die Kirche auch weiterhin gesellschaftlich relevant bleiben, ist das der falsche Weg. Noch wird die Kirche wahrgenommen, wenn sie für einen Gottesbezug in der Landesverfassung, für freie Sonntage in Seebädern, für den Klimaschutz oder bessere Lebensbedingungen für Flüchtlinge kämpft. Doch das kann sich schnell ändern, wenn es so weitergeht.

Nötig ist ein Prioritätenwechsel: Die Nordkirche wäre gut beraten, die Mitgliederentwicklung zum wichtigsten Thema überhaupt zu machen. Jede Sitzung eines Kirchengemeinderates, jede Synode muss sich damit beschäftigen, wie man es schafft, dass zumindest die Zahl der Kircheneintritte die Zahl der Austritte übertrifft. Jeder Pastor muss sich die Frage stellen, warum es gerade in seinen Sonntagsgottesdiensten noch so viele freie Plätze gibt und warum gerade bei ihm Menschen aus der Kirche austreten.

Und vielleicht sollte die Landeskirche auch die für den Herbst geplante Synode zum Thema Klimaschutz durch das Thema Mitgliederentwicklung ersetzen. Denn der Klimaschutz ist wichtig – aber wenn am Ende niemand mehr da ist, der sich für die Position der Kirche interessiert, hilft das der Welt auch nicht mehr.