Andreas Brenne kritisiert Ravensburger Verlag Karl-May-Experte: Winnetou-Buch unbedenklich

Von Dr. Stefan Lüddemann | 22.08.2022, 12:13 Uhr | Update am 22.08.2022

Der Ravensburger Verlag zieht das Begleitbuch zum Film „Der junge Häuptling Winnetou“ vom Markt. Karl-May-Experte Andreas Brenne hält es für falsch einem Shitstorm im Netz einfach nachzugeben.

Der Karl-May-Experte Andreas Brenne kritisiert die Entscheidung des Ravensburger Verlages, das Kinderbuch zum Film „Der junge Winnetou“ vom Markt zu nehmen. „Ich halte es für nicht richtig, ein solches Buch nur aufgrund eines Shitstorms aus dem Verkehr zu ziehen“, sagte Brenne auf Anfrage. Der Verlag hätte sich vor diesem Schritt von Experten für das Werk Karl Mays und das Genre des Kinder- und Jugendbuches beraten lassen sollen. Der Ravensburger Verlag hatte das Buch nach massiver Kritik auf Instagram wegen angeblich falscher kultureller Aneignung aus dem Programm genommen.

Verhalten von der Angst diktiert

Nach Brennes Worten ist das Buch unbedenklich, weil ja schon in einer Vorbemerkung klargestellt werde, dass das Buch als fiktive Geschichte und nicht als sachgerechte Darstellung des Lebens indigener Völker zu verstehen sei. „Hier hat wohl die Angst der Marktingabteilung des Verlages, das Haus könne in Verruf kommen, das Vorgehen diktiert“, analysierte Brenne, der als Professor für Kunstpädagogik und Kunstdidaktik an der Universität Potsdam wirkt und in der Karl-May-Gesellschaft an Programmfragen mitarbeitet.

Bereits anderes Kinderbuch gecancelt

Die aktuelle Entscheidung des Ravensburger Verlages sieht Brenne in einer Tradition. So habe das Verlagshaus bereits früher das Kinder Buch „Fliegender Stern“ von Ursula Wölfel zu einer ähnlichen Thematik aus dem Programm genommen. Der Kinderbuchklassiker von 1959 erscheine seitdem im Thienemann-Verlag, der auch Otfried Preußlers Hotzenplotz-Bücher herausgibt.

Sich verkleiden schon rassistisch?

Andreas Brenne warnt derweil davor, den Vorwurf der falschen kulturellen Aneignung unreflektiert zu generalisieren. „Schon das Verkleiden als Indianer gilt dann als rassistischer Akt“, kritisierte Brenne, der zugleich Karl May (1842-1912) selbst gegen den Vorwurf des Rassismus und Kolonialismus in Schutz nahm. Der Vorwurf gegen den Klassiker der Wildwestliteratur, er habe den Völkermord an den indigenen Völkern Nordamerika ignoriert, sei falsch. In den 1893 publizierten Winnetou-Romanen werde das ja gerade geschildert. „Das ist ja gerade ein zentrales Motiv bei Karl May“, präzisierte Brenne.

Fachtagung zu Karl May angekündigt

Karl May habe in seinem Spätwerk eine Perspektive des Friedens und der Völkerverständigung eröffnet. „Er hat das Bild des edlen Menschen entworfen und sich damit von Friedrich Nietzsches Konzept des Übermenschen abgesetzt“, sagte Brenne weiter. Karl May sei deshalb von der Pazifistin Bertha von Suttner zu Vorträgen eingeladen worden. Brenne kündigte an, das Thema der kulturellen Aneignung bei Karl May zum Thema eines eigenen Symposiums machen zu wollen. Die Fachtagung soll nach Andreas Brennes Worten im März 2023 an der Universität Potsdam stattfinden. Der Wissenschaftler hatte zuletzt eine Ausstellung zu Karl May im Museumsquartier Osnabrück mitgestaltet.

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