Arno Surminski Ermordet und vergessen

Von Interview: Martin Schulte | 07.01.2011, 08:20 Uhr

Arno Surminski erinnert an 3000 jüdische Frauen, die von der SS in Ostpreußen getötet wurden.

In seinem neuen Roman "Winter Fünfundvierzig oder die Frauen von Palmnicken" beschreibt der Hamburger Schriftsteller und geborene Ostpreuße Arno Surminski ein ungeheuerliches - und Jahrzehnte lang verschwiegenes - Verbrechen: Die Ermordung von mehr als 3000 jüdischen Frauen durch die SS im Januar 1945 im ostpreußischen Palmnicken (dem heutigen Jantarnij/Russland). Sie wurden nach einem langem Marsch an den Ostsee-Strand getrieben und dort erschossen, erschlagen und ertränkt.

Herr Surminski, wann haben Sie das erste Mal von dem Todesmarsch der Frauen nach Palmnicken gehört?
Anfang der 1990er Jahre hörte ich gerüchteweise davon, aber ich konnte es nicht glauben. Ich dachte mir: Es kann nicht sein, dass eine solche Ungeheuerlichkeit, der Mord an 3000 Frauen, passiert und nichts bleibt davon - kein Gedenkstein, nicht mal ein Dokument.

Und wann waren Sie schließlich sicher, dass es dieses Massaker wirklich gegeben hat?
Als Martin Bergau, der als Hitlerjunge in Palmnicken war, 2006 ein Buch über dieses Verbrechen veröffentlicht hat. Später schickte mir ein Deutscher aus New York, der aus Ostpreußen stammte und bei Kriegsende in Palmnicken war, das Manuskript seiner Kindheitserinnerungen. Darin beschrieb er, wie die Leichen freigespült wurden und wie die Russen die Deutschen - darunter der Großvater des Mannes - zwangen, die toten Körper mit den Händen auszugraben.

Sie haben dann beschlossen, ein Buch über den Massenmord zu schreiben. Wie beginnt man ein solch schwieriges Unterfangen?Ich wollte diesen Frauen ein Denkmal setzen. Aber ich konnte ja nicht einfach nur von den 3000 Frauen erzählen, ich musste sie personifizieren. Auch wollte ich nicht nur über den Todesmarsch schreiben, sondern auch das gleichzeitige Flüchtlings-Elend schildern.

Damit verknüpfen Sie den Holocaust und die Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen, Sie stellen Leid neben Leid, ohne zu werten. Ist das ein zulässiger Ansatz?
Ja, denn es geht darum, dass unschuldige Menschen leiden. Ob das jetzt Vertriebene sind oder Juden oder Polen oder Russen - es geht doch immer um Menschen.

In Ihrem Buch fällt im Zusammenhang mit Konzentrationslagern immer wieder der Satz: So was hat es bei uns nicht gegeben. Die heimattreuen Ostpreußen haben bis vor einem Jahr felsenfest daran geglaubt: So etwas ist bei uns nicht vorgekommen. Das Gegenteil öffentlich zu machen, war auch ein Anliegen dieses Buches.

Mit diesem Anliegen machen Sie sich bei den Vertriebenenverbänden vermutlich nicht viele Freunde...
Mit den Funktionären der Vertriebenenverbände bin ich ohnehin im Dauer-Clinch, weil ich für den Ausgleich bin und nicht mit Vorwürfen gegen die Russen oder die Polen arbeite. Meine Bücher sollen versöhnen und nicht neue Gräben schaffen.

Dann haben Sie sicherlich auch den Ärger um Erika Steinbach und den Vertriebenen-Beirat intensiv verfolgt.
Frau Steinbach hatte mir angeboten, in den Vertriebenen-Beirat zu kommen, aber ich habe abgelehnt. Ich hatte das Gefühl, dass es nur darum ging, Ansprüche auf altes Eigentum oder Entschädigung geltend zu machen. Dadurch wurde das deutsch-polnische Verhältnis empfindlich gestört. Mein Anliegen ist ein anderes.
Arno Surminski, Winter Fünfundvierzig, Ellert & Richter Verlag, 336 Seiten, 19.95 Euro.