«Unter der Drachenwand» : Arno Geigers berührender Kriegsroman

Arno Geiger 2015 auf der Buchmesse in Leipzig.
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Arno Geiger 2015 auf der Buchmesse in Leipzig.

Ein Soldat flieht vor dem Krieg. Eine junge Mutter sucht Geborgenheit. Wie soll man überleben? Die Welt bricht auseinander, und das Kriegsjahr 1944 will einfach nicht zu Ende gehen.

shz.de von
16. Januar 2018, 13:46 Uhr

Der Zweite Weltkrieg rückt wieder verstärkt in den Fokus der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Autoren wie Ralf Rothmann («Im Frühling sterben»), Uwe Timm («Ikarien») oder Jan Koneffke («Ein Sonntagskind») behandeln in ihren aktuellen Romanen die Zeit, als die europäische Zivilisation in unfassbare Barbarei versank.

Die meisten Zeitzeugen von Krieg, Unterdrückung und Holocaust sind inzwischen gestorben, da kann die Literatur mit ihren Mitteln vielleicht ein neues Licht auf diese Zeit werfen.

Eine absolut lesenswerte Zeitreise zurück in das Jahr 1944 unternimmt der Österreicher Arno Geiger in seinem berührenden Kriegsroman «Unter der Drachenwand». Der 1968 in Wien geborene, vielfach ausgezeichnete Autor («Selbstporträt mit Flusspferd») hat eine vielstimmige Erzählpartitur entworfen, die zwischen Fakten und Fiktion changiert. Briefe und Tagebücher von Frontkämpfern, besorgten Eltern, landverschickten Kindern und verfolgten jüdischen Menschen sind das Fundament dieses Buches. Arno Geiger hat dieses Material in jahrelanger Arbeit in eine schlüssige Form gebracht. «Der Roman ist ein erfundenes Haus mit echten Türen und Fenstern», so beschrieb der Autor sein Werk im Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur.

Sein Protagonist und Ich-Erzähler ist der 24-jährige, ausgebrannte Soldat Veit Kolbe, der nach Jahren an der Ostfront schwer verwundet zurück nach Wien kommt. Aber bei den bigotten Eltern hält es der desillusionierte Veit nicht aus, er flieht ins Salzkammergut in ein Dorf am Mondsee. Dort lernt der vom Krieg an Leib und Seele versehrte Soldat die junge Mutter Margot kennen. Zunächst nennt er die Frau nur die «Darmstädterin», bald jedoch entspinnt sich eine zarte Liebesbeziehung. Aber der Krieg rückt auch am idyllischen Mondsee immer näher, und Veit droht der Einberufungsbefehl.

In Veits Geschichte des Jahres 1944, die ganz aus der Perspektive der Figur erzählt wird, mischt Geiger andere Stimmen. Eltern oder Ehepartner an der Front. Oder ein verliebter Cousin, der seine angebetete Freundin Nanni, die am Mondsee in einer Kinderlandverschickung lebt, unbedingt besuchen möchte. Am eindringlichsten ist der tragische Werdegang der jüdischen Familie von Oskar Meyer aus Wien. Seit 1939 werden sie schikaniert, dann fliehen sie nach Budapest, aber Oskar Meyers Frau und sein Sohn werden nach Auschwitz verschleppt, auch er selbst hat letztlich gegen den mörderischen Rassenwahn der Nazis keine Chance.

Die Lage am Mondsee ist weniger dramatisch. Veit freundet sich mit dem «Brasilianer» an, einem unangepassten Dorfbewohner, der in seinem Gewächshaus Tomaten und Orchideen züchtet und von der Wärme und Menschlichkeit in Südamerika träumt. «Das grausige Europäertum, in dem Hass als Kulturerrungenschaft dient, hat sich überlebt», glaubt dieser Mann. Ganz ähnlich wie der große Europäer Stefan Zweig (1881-1942), der 1940 ins Exil nach Brasilien ging, in sein «Land der Zukunft».

Für den kriegsversehrten Veit geht es am Ende des Jahres 1944 zurück an die Ostfront, die immer näher heranrückt. Die Abschiedstage mit seiner Geliebten Margot sind sehr berührend geschildert. Irgendwann muss der Wahnsinn doch aufhören: «Aber selbst wenn es für mich nicht gut ausging, war mir das baldige Ende lieber als dieser diffuse, nicht enden wollende, immer schlimmer werdende, in immer dunklere Jahre hineinführende und alles Zivile aushöhlende Spuk, in dem das Schlechte in den Menschen immer deutlicher zutage trat, auch bei mir.»

Arno Geiger: Unter der Drachenwand, Carl Hanser Verlag, München, 480 Seiten, 26 Euro, ISBN 978-3-446-25812-9

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