Historie und Gegenwart : Architekt Scheeren baut Pekinger Kunstzentrum

Subtile Monumentalität: Das chinesische Auktionshaus Guardian in Peking.  Büro Ole Scheeren
1 von 2
Subtile Monumentalität: Das chinesische Auktionshaus Guardian in Peking.  Büro Ole Scheeren

Beim CCTV-Tower in Peking ging es um Zukunft. Jetzt hat es der deutsche Architekt Ole Scheeren mit der Geschichte und Identität Chinas aufgenommen. Das Guardian-Auktionshaus ist eine monumentale, aber trotzdem subtile Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

shz.de von
24. Januar 2018, 12:38 Uhr

Mit dem weltweit «ersten maßgeschneiderten Hauptquartier» eines internationalen Auktionshauses hat der deutsche Architekt Ole Scheeren sein zweites ehrgeiziges Projekt in Peking vollendet.

Das moderne Kunstzentrum des ältesten chinesischen Auktionshauses Guardian wurde am Mittwoch im historischen Kern der chinesischen Hauptstadt vorgestellt. Der Komplex besitzt zwei große Auktionshallen, Galerien, Werkstätten, Büros, Veranstaltungsräume, ein luxuriöses 120-Betten-Hotel mit einem großartigen Blick auf den nahe gelegenen Kaiserpalast sowie Restaurants und einen Club.

«Ich wollte einen Kunst- und Kulturraum als funktionale und auch inhaltliche Einheit neu positionieren», sagte der 47-Jährige in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur in Peking. «So habe ich einen neuen Hybrid geschaffen, in dem Kunst, Kunstmarkt, Aktivitäten, Events, Lifestyle und Kultur in einem großen Gefüge zusammenkommen und sich nicht, wie bisher üblich, voneinander abgrenzen, sondern in einem sehr dynamischen System integrieren.»

Direkt gegenüber der Nationalgalerie aus der Zeit des Staatsgründers und «großen Steuermanns» Mao Tsetung steht der neue Bau an der Kreuzung von Chinas berühmtester Einkaufsstraße Wangfujing und der Verkehrsachse Wusi Dajie. Die Straße ist nach der 4. Mai-Bewegung benannt - der kulturellen und politischen Erneuerung am Ende der Kaiserzeit am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Wichtig war Scheeren und dem Bauherrn, wie das Gebäude mit Kontext und den Fragen von Identität und Geschichte umgeht. «Es soll einen Ansatz liefern, über diese ewig währende Spannung zwischen Historie und zeitgenössischer Situation nachzudenken», sagte der Architekt. Er habe beide Realitäten zusammenführen wollen. «Der fertige Bau ist der Idee wirklich ungeheuer treu geblieben.»

Behutsam fügt sich der achteinhalbstöckige Bau in die Umgebung mit alten Hutong-Gassen und Hofhäusern ein. Auf dem verschachtelten Steinsockel sitzt ein Kasten, dessen Fensterfront ein Muster wie traditionelle Ziegelmauern besitzt. «Die Textur und Materialität von Stein symbolisiert über die Verbindung zum Hutong und zu dessen Häusern eben nicht die Klasse der elitären Herrscher, sondern die bürgerliche Klasse, Intellektuelle und Geschäftsleute», sagte Scheeren. Es gehe um Bescheidenheit.

An die Geschichte knüpft auch die Silhouette an, die Scheeren mit runden, beleuchteten Fenstern um den dunkelgrauen Sockel legt. Es ist ein Schattenriss eines der berühmtesten Gemälde der chinesischen Geschichte von den Fuchun-Bergen. Das Bild des Malers Huang Gongwang aus dem 14. Jahrhundert wurde in den Wirren des Bürgerkrieges geteilt - eine Hälfte hängt heute in Taiwan, wohin sich die Nationalisten 1949 vor den Kommunisten geflüchtet hatten. Die andere verblieb in China. Es symbolisiert Trennung, aber auch kulturelle Einheit.

Der Bau habe eine «subtile Monumentalität, die nicht mit zu viel Schwere daherkommt kommt», sagte Scheeren. Peking sei sehr monumental - «eine Stadt, in der Dinge mit einem gewissen Gewicht auf dem Boden stehen». Das habe er einbauen wollen, ohne es zu schwer zu machen. Der aufgesetzte Block nehme in allen Lichtsituationen eine Farbe an, die dem Himmel sehr ähnlich sei. «Das Gewicht löst sich auf.»

«Seine Gebäude strahlen eine stille Ruhe aus», findet der Bauherr Chen Dongsheng, Chef des aufstrebenden Auktionshaus Guardian, das heute größter Anteilseigner bei Sotheby's ist. «Die Gestaltung ist für ihn nicht einfach ein Job», beschrieb er seinen Architekten. «Vielleicht am wichtigsten ist, dass er Gebräuche, Geschichte und Kultur des Ortes respektiert, das sein Gebäude besetzt, und es in seinen Entwurf integriert, so dass ihm Leben eingehaucht wird», meinte Chen, der mit einer Enkelin Maos verheiratet ist.

Der Karlsruher wurde weltweit berühmt durch das futuristische Zentrum des chinesischen Staatssenders CCTV in Peking, das er mit dem Niederländer Rem Koolhaas entworfen hatte. Es zählt heute neben der Verbotenen Stadt, dem Himmelstempel und dem «Vogelnest» benannten Olympiastadion zu den Sehenswürdigkeiten der 20-Millionen-Metropole. Es wurde 2013 als weltweit bestes Hochhaus ausgezeichnet.

«CCTV war und ist ein Prototyp der Zukunft - in einem Teil der Stadt und zu einem Zeitpunkt gebaut, als es darum ging, Zukunft zu denken», sagte Scheeren. So freut es ihn, jetzt das Kunstzentrum in dem historischen Kontext gebaut zu haben. «Es ist für mich eine sehr schöne, bedeutsame Spanne, von der Zukunft noch mal in die Vergangenheit zu gehen», sagt Scheeren. Es beschreibe eine Spannweite des Denkens, manifestiere auch das Spektrum der Arbeit seines Büros.

Seit 2010 betreibt Scheeren von Peking aus ein eigenes, heute auf drei Kontinenten tätiges Architekturbüro mit derzeit 80 und bald 100 Mitarbeitern. Er baut Wolkenkratzer und Wohnprojekte in Asien, aber auch in Nordamerika und neuerdings auch in Frankfurt. Mit seinem 2015 eröffneten, heute 20-köpfigen Büro in Berlin verfolgt Scheeren weitere Vorhaben in Europa.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert